Thermische Notfälle Teil 1: Verbrennungen

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DanKie
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Thermische Notfälle Teil 1: Verbrennungen

Beitrag von DanKie » 9. Okt 2012, 22:02

Thermische Notfälle Teil 1: Verbrennungen / Verbrühungen


Wer kennt es nicht, eine kleine Unachtsamkeit und schon hat man sich verbrannt. Eine Verbrennung
ist schnell passiert...heißes Fett, kochendes Wasser oder im Sommer, der Grill. Eine Verbrennung ist superschmerzhaft und daher ist es wichtig schnell und richtig zu handeln. Damals wurde in den Erste Kursen unterrichtet das das einzig richtige was man machen kann die Kühlung der betroffenen Stelle mit richtig kaltem Wasser oder sogar Eis, ist. Das ist nur noch bedingt richtig, kühlen ja, aber nicht mehr mit eiskaltem Wasser !!!! Teilweise wird sogar unterrichtet, das das kühlen ganz und gar zu unterlassen ist, da die Gefahr, den Verletzten zu unterkühlen einfach zu groß ist und die Unterkühlung weitere Komplikationen, wie Vergrößerung der Schädigung durch Verminderung der Durchblutung des betroffenen Areals und dadurch als Folge eine verzögerte Wundheilung, um nur einen negativen Effekt zu nennen. Nichtsdestotrotz ist Kühlen wichtig, aber halt nicht mit eiskaltem Wasser, sondern mit Wasser das eine Temperatur von ca. 15 – 20 Grad hat. Laut neuesten Untersuchungen steht die Aussage im Raum das, nur wenn SOFORT, dh. wenige Sekunden nach dem Geschehen gekühlt wird der erwünschte Effekt eintritt. Kühlen soll neben Schmerzstillung den sogenannten „Tiefenbrand“, welcher unter der eigentlichen Wunde, in den tieferen Hautschichten geschieht, verhindern. Es soll ein „Nachbrennen“ und „Abtiefen“ der Wunde verhindern. Das Thema Haut und Verbrennung ist ein ziemlich komplexes Thema, deswegen werde ich ein wenig weiter ausholen und neben der Behandlung auch auf die Haut und ihre Aufgaben eingehen. Wenn ich in den Themen zu weit ausschweifen sollte dann schreibt es mir bitte, ich versuch mich dann zu zügeln ;-)

Also....was ist eine Verbrennung/ Verbrühung:

Unter einer Verbrennung, versteht man einen durch thermische Faktoren verursachten Gewebeschaden der nochmal in Tiefe und Fläche unterteilt wird....dazu aber später mehr, jetzt gehen wir erstmal auf das größte Organ unseres Körpes ein....die Haut.


Die Haut, das größte Organ unseres Körper, macht ungefähr 15 % unseres Körpergewichtes aus, sie ist unsere Schutzbarriere gegen äußere Einflüsse, gegen biologische (Krankheitserreger), physikalische (UV-Strahlen), regelt unsere Körpertemperatur (Durchblutung, Schweiß) und zudem ist es ein Sinnesorgan, die Wahrnehmung von Wärme, Kälte, Berührung, Druck oder Schmerz wären ohne die Haut nicht möglich.

Die Haut teilt sich in 3 Schichten auf:
verbrennungen_01_hautschichten.jpg
Wie ihr sehen könnt ist die Haut ein sehr komplexes Organ und bei den vielen Aufgaben die sie zu erledigen hat, ist eine Verbrennung eine sehr ernste Verletzung, die einiges in unserem Körper durcheinander bringen kann !
Jetzt aber nochmal zurück zum eigentlichen Thema, wie ich schon geschrieben habe unterteilt man Verbrennungen/Verbrühungen auch noch in Fläche und Schweregrad. Nur zur Vollständigkeit halber führe ich hier die Neunerregel an, die in im Rettungsdienst benutzt wird um das Ausmaß der verbrannten Hautfläche zu „berechnen“.
Schwere einer Verbrennung wird unterteilt in die Grade 1-4:

Verbrennung 1. Grades: Sie betrifft nur die Oberhaut, fällt durch Rötung, Schwellung und Schmerz auf und heilt normalerweise vollständig aus. Der normale Sonnenbrand fällt auch
in diesen Grad.
sonnenbrand.jpg


Verbrennung 2. Grades: Sie reicht bis in die Lederhaut (Dermis), die kleine Gefäße zur Hautversorgung, als auch Talg- und Schweißdrüsen, sowie die Haarwurzeln enthält. Die Symptome sind starke Schmerzen, Rötung, Schwellung sowie Blasenbildung. Je nach Tiefe der betroffenen Lederhaut wird die Verbrennung 2.Grades noch einmal den Typ 2a unterteilt, der üblicherweise wie die Verbrennung 1.Grades vollständig ausheilt, als auch in Typ 2b, der eine Narbenbildung nach sich zieht.
Verbrennung III°: Hier ist auch die Unterhaut betroffen, wobei die Intensität der Hitzeinwirkung oft verkochtes (weißes) als auch verkohltes (schwarzes) Gewebe hinterlassen hat. Da die Hautnerven bei diesem Grad zerstört sind, haben die Patienten meist keine Schmerzen mehr. Betroffene Haut ist unwiederbringlich verloren und muss durch ein Transplantat ersetzt werden.
Verbrennung_3gradig01.jpg
Verbrennung IV°: Dabei handelt es sich um schwerste Verkohlungen, die nicht nur Haut, sondern jegliches darunter liegende Gewebe (Muskel, Knochen) auch schon erreicht haben.
Hier verzichte ich drauf ein Bild einzusetzen da sowas nicht jeder sehen kann bzw. muß.

Komplikationen die nach einer Verbrennung auftreten können:

Ab etwa 15% verbrannter Körperoberfläche kommt es nach dem Unfall zur so genannten Verbrennungskrankheit, bei der der gesamte Organismus unter den Folgen der Verbrennung leidet. Durch die Verbrennung selbst und die zerstörten Hautareale kommt es zu einem großen Flüssigkeitsverlust, der sich auch auf die Zusammensetzung des Blutes auswirkt und zu einem Volumenmangelschock führen kann. Auch viele Körpereiweiße gehen durch beschädigte Gefäßbarrieren verloren, wodurch deren jeweilige Funktion im Körper herabgesetzt wird und die Kreislaufsituation wiederum belastet. Des Weiteren kommt es zu einer massiven Freisetzung von Gewebebestandteilen, auf die eine körperweite Immunreaktion erfolgt. Dies sind alles sind Ursachen für ein drohendes Herz-Kreislauf- Versagen, ein akutes Lungenversagen, ein akutes Nierenversagen, ein Leberversagen sowie eine Darmlähmung.
Eine weitere große Gefahr ist bei einer schwereren Verbrennung eine Infektion der betroffenen Hautareale, da deren Barrierefunktion eingeschränkt bis aufgehoben ist. Diese kann sich bis zur Verteilung der Keime im gesamten Körper (Sepsis) entwickeln und ist lebensgefährlich.



Jetzt aber weiter: Richtig HANDELN und BEHANDELN:
verbrennung_4.jpg
- umherlaufende brennende Personen sollten aufgehalten werden da durch das Umherlaufen das Feuer zusätzlich angefacht wird

- Kleiderbrände sofort löschen (z. B. mit Wasser übergießen, brennende Person auf Boden wälzen, Flammen mit Decke (oder ähnlich dichten Gewebe wie bspw. einem Mantel) ersticken

- Bei Einsatz von Feuerlöschern diese nicht auf das Gesicht richten. Außerdem gibt es Feuerlöscher, die nicht zum Ablöschen brennender Personen verwendet werden dürfen. Daher sind entsprechende Hinweise auf dem vorhandene Feuerlöscher zu beachten

- Bei Verbrühungen/Verbrennungen, die Kleidung möglichst schnell und vorsichtig entfernen, ohne dabei die Kaltwasseranwendung zu verzögern, aber vorsicht, eingebrannte oder mit der Haut verklebte Kleidung „NICHT“ entfernen, sondern außerhalb der Kleidung rausschneiden.

- Kleinflächige Verbrennungen können zur „gefühlten“ Schmerzlinderung (beispielsweise ein Finger) sofort für ca. 2 – 5 Minuten mit Wasser abgekühlt werden. Das Kühlen ist in jedem Fall auf die verbrannte Körperstelle zu begrenzen.

- Im Gesicht wird mit feuchten Tüchern gekühlt, wobei die Atemwege immer frei bleiben müssen.

- Größere verbrannte Körperoberflächen/ Brandwunden sollen aufgrund der daraus resultierenden Gefahr einer Unterkühlung nicht gekühlt werden, wobei sich das „theoretisch“ sehr einfach sagen läßt, aus dem Rettungsdienstalltag kann ich nur sagen das die Kühlung auch eine psychologische Komponente hat....also wenn kühlen dann mit Bedacht und nicht mit eiskaltem Wasser oder die Brandwunde mit einer nassen Kompresse oder nassem Verbandtuch abdecken und mit einer Wärmedecke für den Wärmeerhalt sorgen
Bild

- Laut Lehrmeinung sollte man am Unfallort die Brandwunde mit sterilem, sekretaufnehmendem und nicht verklebendem Verbandmaterial abgedeckt werden. Mit Aluminium bedampfte Auflagen verkleben beispielsweise nicht mit der Wunde.

- wenn nötig den Verletzten in Schocklage bringen
schocklage.jpg
- ganz wichtig ist es dem Verletzen Beistand zu leisten in dem man mit ihm redet, ihn ermutigt und tröstet

- Möglichst frühzeitig den Notruf tätigen




Was noch zu sagen wäre:

Das Auftragen von Puder, Salbe, oder ähnlichem sowie das Eröffnen von Blasen ist absolut tabu! Salben mit einem Fettanteil speichern die Wärme in der Haut, Gele würden zwar kühlen, aber in der Akutphase auch brennen und Puder würden mit der Wunde verkleben. Das alte Hausmittel "Öl und Mehl" ist so zu bewerten, als würde man versuchen, ein Feuer mit Benzin zu löschen.
An die Wunde gehört „NUR“ Wasser und ein Verband. Erst zur Nachbehandlung können bei geringen Verbrennungen Brandgele angewendet werden.




Wie immer gilt.....wenn Fragen oder Unklarheiten bestehen.....einfach fragen :-)
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Thermische Notfälle Teil 1: Verbrennungen

Beitrag von hoffnung_2013 » 9. Okt 2012, 23:53

Hi DanKie, vielen, vielen Dank. Super beschrieben.
Das aller aller wichtigste steht rot am Schluß. AUF die Wunde gehört nur Wasser ... auch wenn man früher "Hausmittel" empfohlen hat.
Gruß
P.

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Nasar
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Thermische Notfälle Teil 1: Verbrennungen

Beitrag von Nasar » 10. Okt 2012, 01:47

Spitze... Danke :klat:
Fünf sind geladen, zehn sind gekommen, gieß Wasser zur Suppe, heiß alle willkommen.

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Cobra
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Thermische Notfälle Teil 1: Verbrennungen

Beitrag von Cobra » 10. Okt 2012, 16:23

Sehr hilfreich, vielen Dank.

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Ernesto
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Thermische Notfälle Teil 1: Verbrennungen

Beitrag von Ernesto » 10. Okt 2012, 18:30

ja, wirklich sehr hilfreich. Vieles vergisst man. Erste Hilfe ist ein sehr wichtiges Thema.

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ColombiaOnline
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Thermische Notfälle Teil 1: Verbrennungen

Beitrag von ColombiaOnline » 11. Okt 2012, 17:51

Dem kann ich mich nur anschließen. Vielen Dank an den Verfasser.
„Wer fragt, ist ein Narr für eine Minute. Wer nicht fragt, ist ein Narr sein Leben lang.“