Die Zukunft von Kolumbien | Wohin steuert Kolumbien?

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coentros
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Die Zukunft von Kolumbien | Wohin steuert Kolumbien?

Beitrag von coentros »

⇒ Letzter Beitrag der vorhergehenden Seite:

"Nur Wirtschaftwachstum als Allheilmittel zu benennen"...davon war auch nicht die Rede. Aber ohne Wirtschaftswachstum als notwendige aber nicht hinreichende Voraussetzung wird es ganz schwierig. Ich finde es gibt einige schöne Beispiele für Länder mit einer guten Entwicklung in den letzten zehn Jahren, z.B. Polen, Panama, Thailand. Gute Entwicklung heisst "besser als andere gemacht". Nirgendwo gibt es einen Ponyhof.

Den Vergleich mit USA finde ich unpassend. Das wäre so wie wenn ich auf der anderen Seite die Sowjetunion, Nordkorea oder Venezuela als Empfehlung nehmen würde. Da wüsste ich dann immer noch was weniger schlimm ist. Wie gesagt, die einfachen Gleichungen "rechte" vs "linke" Politik funktionieren heute sowieso nicht mehr.

Was mich bei Petro ernüchtert ist, dass ich überhaupt kein Thema finde bei dem er bislang richtig überzeugend wirkt. Innenpolitik, Aussenpolitik hatte ich erwähnt. Gerne lass ich mich von Gegenbeispielen überzeugen. Ansonsten freue ich mich wenn er es in den nächsten 2.5 Jahren besser macht.

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coentros
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Beitrag von coentros »

Fünf Jahre sind vergangen seit dem ersten Beitrag im Juni 2019. Die Welt, inzwischen eine ganz andere geworden (Covid, Inflation, kriegerische Auseinandersetzungen). Gesamthaft die 10er Jahre insgesamt erfreulicher als die 20er Jahre bisher, in Kolumbien als auch in Deutschland. Meine Frau (Kolumbianerin) wollte und will in DE leben, meine Wenigkeit (Deutscher) in Kolumbien. Die Kinder inzwischen erwachsen, selbstständig und aus dem Haus. Sie hat sich bislang durchgesetzt. Das nur nebenbei, am Rande.

Kolumbien seit zwei Jahren mit einem linksgerichteten Präsident. Zu jüngeren Ereignissen gibt es einige neuere threads (Friedensgipfel, Strohhut, Fuera Petro Gesänge).

Wie wird es weitergehen mit Kolumbien ?

Seine aussenpolitischen Ambitionen… ja, die Welt sollte sich um das Nr.1 Problem kümmern, die KIimakrise. Deren Wurzel die G-20 Länder die für 80% der globalen CO2-Emissionen stehen. Darin komplett enthalten allerdings auch die 5 BRICS-Länder mit 40% der Weltbevölkerung und 45% der globalen CO2- Emissionen. Petro´s Botschaft mit den „Schornsteinen im Norden“ einseitig irreführend. Nimmt man noch weitere BRICS-Verbündete dazu stehen diese für die Hälfte der globalen CO2-Emissionen, also gleichermassen schuld. Desweiteren fatal aber auch die krankhafte Überbevölkerung infolge exponentiellen Wachstums in vielen ärmeren Ländern. Diese Menschen streben letzten Endes denselben Konsum an. Migrationsströme als weitere Folge.

Stattdessen rüstet die Welt auf. Als ob die Mächtigen der Welt die Endzeit gemäss Lukas, Kapitel 21,5-38 nun entschlossen einleiten wollen. Nach dem kalten Krieg die beiden neuen Blöcke. Mindestens 40-50 Länder auf der einen Seite: 32 NATO-Länder plus Smpatisanten wie Australien, Japan, Neuseeland, Thailand, Singapur, Philippinen, Südkorea, usw, angeführt durch die USA. Auf der anderen Seite ein Block aus China, Russland, Weissrussland, Syrien, Iran, Venezuela, Kuba, Nicaragua, und aus Lateinamerika Brasilien und … Kolumbien (plus weitere).

Man muss sich nur nur das von Russland zuletzt heiss umworbene Mitglied Nordkorea anschauen. Ohne den Kampfbegriff des US-Amerikaners zu bemühen („Achse des Bösen“), alles mehr oder weniger Diktaturen oder autokratische Systeme. Petros Worte wie „Faschismus des Nordens“ und viele weitere Beispiele sprechen eine klare Sprache. Er fühlt sich eindeutig wohler im China-Russland Block. Seine Worte über Kolumbiens angestrebte weltpolitische „Neutralität“ für mich unehrlich bzw. irreführend. Ich möchte die Diktatur a priori noch nicht einmal pauschal in Abrede stellen, Ausnahmen bestätigen die Regel. Die Diktatur von Josip Broz „Tito“ würde ich als eine solche Ausnahme für ex-Jugoslawien anführen.

Was seine angestrebte globale Kapitalumverteilung anbetrifft (Umweltschutz für Schuldenerlass), schon in Ordnung. Aber nicht vergessen, die eigenen Verbündeten stehen genauso für Umweltverschmutzung wie die Länder und „Schornsteine des Nordens“. Abgesehen davon noch besser: die eigene Wirtschaft und Haushaltsdiziplin nach freien, marktwirtschaftlichen Prinzipien voranbringen. Ja letzteres tut weh, ist eine Generationenaufgabe, die Vorgänger haben gesündigt. Aber anders scheint es nicht zu gehen.

Zum Glück ist er nun wieder zu Hause. Dort wird er gebraucht. Das Positive zuerst. 1) Die Inflation von 12% in 2023 auf offiziell nur noch 5% gefallen, andere Wirtschaftsindikatoren zuletzt gar nicht so schlecht, insbesondere die Arbeitslosenquote unter 10% gesunken, 2) Die Rentenreform ist durch, auch das salario minimo deutlich gestiegen 3) Klimaprojekte sichtbar (grüner Wasserstoff).

Aber würde es bei Punkt 1) anders aussehen, wenn ein anderer Name, Präsident X, dort stünde ? Die offenen Volkswirtschaften hängen mehr oder weniger alle am globalen Wachstum der Weltwirtschaft. Wenn dieser Motor brummt bekommen alle, auch Kolumbien natürlich, was davon ab. Insofern besser nicht versuchen sich globalpolitisch zu isolieren. Punkte 2) und 3) löblich, auch wenn ich mehr in die Jugend als in die Rentner investiert hätte. Auf jeden Fall Fortschritte mit denen man die Gesellschaft zusammenhalten kann (Duque’s Steuerreform in 2021 mit in der Folge sozialen Unruhen/Gewalt als Gegenbeispiel).

Warum nicht einmal eine Bildungsinitiative ? Man hat heute genug Möglichkeiten um überduchschnittlich begabte talentierte Kinder/Jugendliche zu identifizieren, nach IQ und EQ. Für die besten 100 nach einem landesweiten Wettbewerb a la Kolumbiens „best high potentials“ ein ausreichend grosszügiges staatliches Stipendium das ein Studium an den besten Elite-Universitäten der Welt ermöglicht (Harvard, Genf, Singapur, etc). Nur eine Auflage, sie müssen danach zurückkommen und ein Unternehmen in Kolumbien gründen. Damit es so kommt können weitere Anreize und Sanktionen vertraglich festgeschrieben werden.

Mein grösstes Fragezeichen und Negativpunkt: Die innere Sicherheit. FARC-Dissidenten nicht im Griff, ERN-Guerilla will wieder Geiseln nehmen um Lösegeld-Einnahmen zu sichern. Bei den Demonstrationen im Valle de Cauca ist er vorzeitig abgereist, droht mit Ausnahmezustand gegen Gewalteskalationen. Letzten Endes wird es auch wieder nur mit dem Militär gelöst werden. Das hat er sich anders vorgestellt, allerdings eben naiv.

Mit ALLEM vorgenannten verbunden: Die Kokainproduktion auf neuem Höchststand, ebenso offensichtlich in Peru und Bolivien. Hauptabnehmer inzwischen Europa. Anders als in der Aussenpolitik, wo Zurückhaltung viel besser wäre, würde ich genau an dieser Stelle einmal radikale Vorschläge in Richtung Europa anraten. Es ist doch eigentlich deren Problem.

So leid es mir tut: Es hilft nur ein hartes „law and order“ um ein mögliches schleichendes Abgleiten in Zustände a la Ecuador zu vermeiden. Hier glaube ich besteht noch einiger Nachholbedarf.

Mich würde die Meinung der ständig vor Ort lebenden Forumsteilnehmer interessieren: Wie nehmt ihr die innere Sicherheit war ? Ist es gefährlicher geworden „auf der Strasse“ ? Für die tienda an der Ecke ? Den Kleinunternehmer der auf einmal vacuna bezahlen muss ? Für die Familien die ihre Kinder sicher in die Schule gebracht sehen wollen ?

Meine Bilanz zur Halbzeit von Petro mit Licht und Schatten. Unabhängig davon, was die Zukunft Kolumbiens betrifft aber gar nicht mal so negativ.
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Eisbaer
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Beitrag von Eisbaer »

Vielen Dank @coentros für den ausführlichen und gut verständlichen Beitrag.

In der kleinen Stadt Sincelejo an der atlantischen Küste haben die Raubüberfälle drastisch zugenommen. Sogar der Inhaber der Tienda in meinem Barrio zahlt Schutzgeld, was vor Corona undenkbar war. Der Bürgermeister der Stadt hat vergangene Woche eine bemerkenswerte Entscheidung getroffen: Neben der Polizei sollen nun auch motorisierte und bewaffnete private Gruppen in der Stadt patrouillieren. Für viele erinnert dies an den Paramilitarismus unter Álvaro Uribe, der die Gruppe CONVIVIR in Medellín unterstützt hat. Ich kann nur hoffen, dass diese Entscheidung rückgängig gemacht wird.

Viele meiner Nachbarn hatten zur Zeit der Wahlen Petro-Plakate aufgehängt. Heute sind sie nicht mehr gut auf ihn zu sprechen.
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Beitrag von coentros »

Hallo Eisbaer

Betrüblich was Du über Sincelejo berichtest. Wir kennen uns im wesentlichen nur in Cali und Popayan und noch ein bis'chen in Cartagena aus wo unsere Verwandtschaft angesiedelt ist. Manchmal bin ich mir nicht sicher wie ich deren Informationen und Berichte einordnen soll. Ende des Jahres planen wir erstmals nach der Covid Pandemie wieder vor Ort zu sein. Ich bin gespannt. Auch auf Berichte anderer Forumsmitglieder zur inneren Sicherheit.

Max
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Beitrag von Max »

Ich sehe es auch so, dass die Sicherheitslage wieder schlechter geworden ist. Einige Gegenden, wo man vor 1- 2 Jahren noch hin konnte, sind wieder zu No-Go Zonen geworden. Um Yamundi rum ist es grad richtig heiß. Überall hin mit dem Auto ist gerade nicht so nice. Vor allem Richtung Süden. Man hat ein bißchen das Gefühl, vor allem, wenn man die Zeit noch kennt, dass es so wird wie vor Uribe vor allem sind ja erst 2 Jahre vergangen, seit die neue Regierung da ist und es verbleiben noch 2 Jahre. Heute wurde angekündigt, dass der Diesel für große Unternehmen schrittweise erhöht wird. Da werden dann viele Sachen noch teurerer werden. Wie das der Großteil der Bevölkerung stemmen soll, ist mir ein Rätsel. Mal schauen, ob von Seiten der Transport-Unternehmen Straßenblockaden geben wird, da ja nicht alle von der Erhöhung betroffen sind. Wie man das dann an den Tankstellen macht, ist dann noch eine ganz andere Frage.

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Beitrag von coentros »

Ich darf anfügen, weil so passend über das Klagen der angestiegenen Preise allerorts, eben z.B. in Kolumbien.

Ich bin heute abend seit langer Zeit wieder einmal zum Italiener um die Ecke gegangen um telefonisch bestellte Pasta für zwei abzuholen. Wohlgemerkt Mitnahme, nicht vor Ort essen. Hatte ihn die letzten beiden Jahre gemieden, schlicht weil wir eine andere Alternative gefunden hatten und ich sein Gejammere über Deutschland nicht mehr hören wollte.

Die Preisliste von Anfang 2022, je für eine Portion Carbonara und Bolognese zum mitnehmen habe ich auch wieder rausgewühlt, nur um mich zu vergewissern ob mein Gedächtnis noch funktioniert. Ja, so wie abgespeichert waren es damals 7.- EUR pro Portion gewesen.

Gutgläubig nur mit einem 20 Euro Schein bewaffnet, sonst nichts, war ich bei Abholung zahlungsunfähig. Sie wollten nun 26 Euro für zwei Portionen. Zuerst habe ich nicht an meine Hirn sondern an meinen Ohren gezweifelt. Fassungs- und Sprachlosigkeit. Ein Preisanstieg von 86% in zwei Jahren ?! Prost Mahlzeit. Da sie mich wiedererkannten liessen sie mich mit 20 Euro und wortreichen Erklärungen gewähren.

Soweit die Botschaft zu Inflation und Wert des Euros in Deutschland. Habs 1:1 an meine lieben Verwandten in Kolumbien weitergeleitet. Es soll hier um die Zukunft Kolumbien gehen, nicht Deutschland.

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Hallo Max, vielen Dank für Dein feedback. Jamundi kenne ich auch ein bis´chen. Da war doch die Autobombe kürzlich ?!
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Eisbaer
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Beitrag von Eisbaer »

Die Patrouillen der privaten Sicherheitskräfte in Sincelejo wurden von der nationalen Regierung verboten.
Die bewaffneten Männer in schwarzen Uniformen auf schwarzen Motorrädern haben die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzt, obwohl das Gegenteil der Fall sein sollte. Vermutlich handelte es sich um einen Deal zwischen dem Bürgermeister und einer privaten Sicherheitsfirma. Da sind hohe Summen geflossen.

Mehr dazu in der Presse unter diesem Link: https://www.infobae.com/colombia/2024/06/28/ordenaron-suspender-frentes-privados-de-seguridad-movil-en-sincelejo-es-volver-a-epocas-del-paramilitarismo/

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