LETICIA - eine Reise in den tiefen Amazonas

Unbeschreiblich schöne Reisen. Hier teilt Euch Renato seine Erfahrungen mit. Absolut Lesenswert!
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Renato
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LETICIA - eine Reise in den tiefen Amazonas

Beitrag von Renato » 27. Mär 2011, 00:43


Die Türe, der schon in die Jahre gekommenen Boeing 737 öffnet sich. Die feuchte, tropische Hitze macht sich sofort bemerkbar. Über die Treppe geht es auf wieder sicheren Boden nachdem extrem unruhigen Flug, welcher mir so manche Schrecksekunde beschert hat. Schon fast penetrante, feuchte Hitze sticht uns ins Gesicht. Vom kühlen Bogota sind wir soeben im heissen Leticia angekommen. Der Dschungel Stadt, welche nur per Boot oder Flugzeug zu erreichen ist. Wir sehen, wie unser Gepäck ausgeladen wird und sofort von der "Policia Antinarcoticos" mit den Drogenhunden untersucht wird. Leticia ist auf Grund der strategisch einzigartigen Lage ein Umschlagsplatz für Drogen. Von Peru aus wird nach Brasilien verschifft, von Leticia aus nach Brasilien. Das schwer zu kontrollierende Gebiet ohne Strassen ist für die "Narcos" perfekt um Ihren Geschäften nach zu gehen. Hier treffen sich Peru, Brasilien und Kolumbien. Die kolumbianische Gegend wird auch "kolumbianisches Trapez" genannt. Ein endlos grosses Gebiet welches nur sehr, sehr spärlich besiedelt ist. Hier herrschen andere Gesetze, der Dschungel ist eine Welt für sich.

Langsam geht es voran bis wir die Ausreisestempel aus Kolumbien haben. Der Flughafen ist in die Jahre gekommen, das Personal passt sich dem tropisch heissen Klima an. Alle schwitzen, wirken gelangweilt und warten wohl sehnlichst auf das Feierabendbier. Per Taxi fahren wir Richtung Tabatinga, die brasilianische Grenzstadt, die an Leticia angrenzt. Eigentlich wie eine Stadt welche einfach auf 2 Länder verteilt ist. Die Grenze überfahren wir auf der Avenida Internacional. Grimmig drein schauende brasilianische Pollizisten stehen da und mustern uns genau. Den Stempel kriegen wir in einem heruntergekommenen Gebäude der Policia Federal, der brasilianischen Bundespolizei.

Am späten Nachmittag sind wir endlich am Hafen von Leticia angekommen. Es regnet in Strömen. Hier nehmen wir zum ersten Mal die faszinierende Stimmung wahr. Leticia ist anders als der Rest von Kolumbien. Die Stadt liegt abgeschnitten, weit entfernt vom restlichen Kolumbien. Die Einflüsse kommen aus Peru und Brasilien. Weiter führende Strassen gibt es nicht, will man in die nächst grössere Stadt geht es per Schiff in 5 Tagen nach Manaus oder nach Peru, und zwar Iquitos. Hier dreht sich alles um den gigantischen Amazonas Fluss welcher bis an die Brasilianische Atlantikküste führt. Der Amazonas ist die Pulsader und sogleich das Leben. Nichts führt am Amazonas vorbei. Alles dreht sich um diesen gigantischen Fluss. Einfach alles. Grosse Schiffe mit mehreren Decks legen an, dies weckt in jedem Abenteuerlust und Fernweh. Sehnsucht etwas zu erleben. Die Menschen hier ticken anders. Zeit spielt keine grosse Rolle. Ich fülle mich langsam mit einer tiefen Stimmung von Abenteuerlust erfüllt. Ich fühle mich einzigartig, weit weg von der tristen Routine des Lebens in Bogota.

Höflich bedient uns ein älterer Herr und wir trinken unser Aguila Bier aus bevor wir das Boot besteigen. Die Bar befindet sich auf einem schwimmenden Floss, hier verpflegen sich die Bootsführer bevor es auf die Reise geht. Unser Bootsführer heisst Alfredo, er stammt aus dem fernen Medellin und spricht einen unverkennbaren Paisa Akzent. Wie lange er schon in Leticia lebe, wollen wir von ihm wissen. "Uii" säufzt er und beginnt nachzudenken. Das muss schon eine halbe Ewigkeit sein. Auf der Suche nach einem besseren Leben, auf der Suche nach Wohlstand ist er schlussendlich als Bootsführer in Leticia gestrandet. Leticia ist interessant gelegen, viele Schatzsucher, Aussteiger und Verrückte sind hier gestrandet. Leute denen der Wohlstand und die Monotonie der Städte nichts sagt. Leute die mehr oder anderes vom Leben erwarten.

So zum Beispiel der Amerikaner Mike Tsalikis, ein Abenteurer, wie es heute nur noch wenige davon gibt. Der Amerikaner griechischer Abstammung heiratete eine schöne Ticuna Indianerin. Er kam in den 70er Jahren nach Leticia und liess sich hier nieder. Er besorgte sich ein altes Flugzeug und flog regelmässig von Leticia nach Miami. Er lieferte Kaimanhäute und Arafafedern. Dazu belieferte er reiche Privatleute und Tierhandlungen in den USA mit exotischen Dschungeltieren. Er verdiente damit viel Geld, so viel Geld dass er sich schon bald die Insel Santa Sofia (heute Isla de los Micos) kaufen konnte. Er stellte Gelder für die Stadt Leticia zur Verfügung und war äusserst beliebt. So wurde er sogar der Honorarkonsul der USA in Leticia. Später, als der Tourismus Einzug hielt, öffnete er das Hotel Tikuna. Er lebte einige Zeit sehr gut in der tropischen Dschungelstadt. Doch dann wurde der Export und die Einfuhr von Dschungeltieren verboten. Er musste also ein neues Geschäft finden. Er fand es im Kokain Handel. Er wurde bald darauf geschnappt und wurde in Miami ins Gefängnis gesteckt. Sein rasanter, stetiger Aufstieg endete im jähen Fall.

Wir verlassen Leticia und es regnet in Strömen. Keine Minute vergeht und wir sehen die "Delfines Rosados". Die rosa farbenen Delfine welche hier leben. Sie springen immer wieder aus dem Wasser, ganz nah an unserem Boot. Die Stunden vergehen und wir sind noch immer nicht an unserem Ziel. Ein Labyrinth voller Flüsse, unglaublich wie Alfredo die Orienterung nicht verliert. Müde und tropfnass kommen wir um ca. 20 Uhr in einem einfachen Holzhaus irgendwo im brasilianischen Amazonas Dschungel an und fallen zufrieden ins Bett. Der Amazonas hat uns gefangen.

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Am nächsten Tag weckt und das Gezwitschere der Vögel. Die Sonne scheint. In der Nacht hat es aber wie aus Kübeln gegossen. Das Wetter tief im Amazonas ist extrem, feucht heiss oder stundenlange Regenfälle. Wir unternehmen eine erste Exkursion mit einem Tikuna Indianer welcher die Gegend kennt und welcher einen zusätzlichen Orientierungssinn hat. Es kann gefährlich sein, alleine aufzubrechen. Wenn man die Orientierung verliert ist man im Dschungel gefangen. Es gibt kein heraus mehr. Wir laufen vorbei an dicken Bäumen mit Stämmen so dick, wie wir es noch nie gesehen haben. Wir sehen wilde Schlangen und dazu die brutale, tropische Hitze. Unsere T-Shirts sind nach wenigen Metern komplett durchgeschwitzt. Wir sind froh, kommen wir nach 2 Stunden wieder bei der Unterkunft an wo wir zuerst einen Liter kühle Limonade in unsere trockenen Rachen schütten.

Wir verbringen die nächsten Tage in dieser äusserst einfachen Unterkunft irgendwo an einem Nebenfluss des gigantischen Amazonas gelegen. Wir brechen zu kleineren Tagesexkursionen auf. So z.B. nach Santa Rita in Peru. Eine äusserst einfache Ansiedlung am Flussufer. Die Häuser sind allesamt aus einigen wenigen Holzbrettern zusammen gezimmert. Die Menschen leben vom Fischfang, alles ist äusserst armselig. Das Leben hier muss hart sein. So fernab von jeglicher Zivilisation. Die Menschen sind Menschen wie wir alle, doch sie ticken komplett anders. Sie leben im Einklang mit dem Amazonas. Alleine, in einfachen Hütten. Am wild verwachsenen Ufer der Nebenflüsse des Amazonas. Sie nehmen Ihr einfaches, motorisiertes Kanu und fahren auf dem Fluss. Stundenlang. Was sie wohl denken? Was sie wohl bewegt?

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Nach 6 Tagen im tiefen Dschungel kommen wir am umtriebigen Hafen von Leticia an. Die Zivilisation hat uns wieder.
Es herrscht reger Betrieb, hier werden die typischen Produkte der Region gehandelt. Dann werden diese rasch auf die im Hafen liegenden Schiffe gebracht und verschifft. Wir finden Unterkunft im Hotel Amazonas. Der Receptionist ist ein netter, junger Mann aus Putumayo. Einem früher problematischen, kolumbianischen Department an der Grenze zu Ecuador. Auch er kam hierher auf der Suche nach einem besseren Leben. Das Hotel ist praktisch leer, die „all inclusive“ Touristen, welche aus Bogota hierher kommen sind im Decameron untergebracht. Wir machen erste Spaziergänge durch die umtriebigen Strassen von Leticia. Viele Motorräder, das fällt uns auf.

Am Abend nehmen wir ein Motorrad-Taxi nach Tabatinga, dem brasilianischen Teil der Grenzstadt.
Das erste was uns auffällt ist das Chaos, kolumbianische Städte scheinen logisch strukturiert. Immer ein Hauptplatz mit der Kirche. In Brasilien sind die Häuser wie wild, ohne Planung konstruiert worden. Die Sprache hier ist Portugiesisch. Wir kommen uns wie in einer anderen Welt vor. Doch die Menschen sind freundlich, zurückhaltend freundlich. Wir verbringen den Abend bei Cachaça, dem brasilianischen Nationalgetränk in einer Freiluft Diskothek. Die Stimmung ist ausgelassen. Brasilianer scheinen ein fröhliches Volk zu sein. Das Publikum ist gemischt, Kolumbianer und Brasilianer. Ab und zu fährt die Policia Federal vorbei, die brasilianische Bundespolizei welches einiges unfreundlicher als die kolumbianische Polizei aussieht.

Wir verbringen noch 2 Tage in Leticia. Mir gefällt diese umtriebige Dschungel-Stadt welche die wohl sicherste Stadt Kolumbiens sein soll. Es gibt hier so gut wie keine Morde. Alles dreht sich um den Handel am Hafen. Alles dreht sich um die Lebensader, den imposanten Amazonas Fluss.

Der Taxifahrer, welcher uns an den Flughafen bringt ist Inland-Kolumbianer. Viele Leute der Bevölkerung Leticias sind zugezogen. Leticia hat etwas mystisches, die Leute kommen hierher mit einer bestimmten Erwartung. Das ist es, was mich fasziniert. Die Stadt gehört zu Kolumbien, doch hier herrschen eigene Gesetze.

Wir heben wieder Richtung Bogota ab. Wir sehen noch einige Häuser, dann bald nur noch grün. Der Amazonas hat uns wieder frei gegeben.

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Karibikotto
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Re: LETICIA - eine Reise in den tiefen Amazonas

Beitrag von Karibikotto » 27. Mär 2011, 01:34

Unglaublich was dies Land alles zu bieten hat. Warum hast du das alles nicht schon früher berichtet? Als wir noch in Medellin gelebt haben sind wir kaum raus aus der Stadt. Nun in den USA lese ich die tollen Berichte. Das würde ich auch gerne noch erleben. Danke Renato für diesen ausführlichen, lesenswerten Bericht und die authentischen Fotos.

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Eisbaer
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Re: LETICIA - eine Reise in den tiefen Amazonas

Beitrag von Eisbaer » 27. Mär 2011, 03:55

Danke Renato - gut geschriebenen. Echt gut geworden. Wer reist hat viel zu berichten ;-)

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Nasar
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Re: LETICIA - eine Reise in den tiefen Amazonas

Beitrag von Nasar » 27. Mär 2011, 14:11

Kolumbien hat viel zu bieten. Manaus da waren wir mal. Danke für diesen Erfahrungsbericht :app:
Fünf sind geladen, zehn sind gekommen, gieß Wasser zur Suppe, heiß alle willkommen.

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Wanderer
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Re: LETICIA - eine Reise in den tiefen Amazonas

Beitrag von Wanderer » 27. Mär 2011, 17:43

Das sagenumwobene El Dorado soll sich in dieser Gegend befinden. Guter Bericht. Sollte ich mir wenn ich in Kolumbien bin auch mal antun.


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Re: LETICIA - eine Reise in den tiefen Amazonas

Beitrag von brahms » 28. Mär 2011, 17:45

Nur wer es erlebt hat kann so schreiben. Solltest in die Touristenbranche einsteigen. Danke echt super!

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Renato
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Re: LETICIA - eine Reise in den tiefen Amazonas

Beitrag von Renato » 28. Mär 2011, 17:54

Hallo Brahms
Danke, ich werde es mir ueberlegen :-)

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Bambus
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Re: LETICIA - eine Reise in den tiefen Amazonas

Beitrag von Bambus » 28. Mär 2011, 18:25

Da will ich mich doch meinen Vorrednern anschliessen. Danke Renato.


Bogotano
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Re: LETICIA - eine Reise in den tiefen Amazonas

Beitrag von Bogotano » 7. Apr 2011, 22:00

Macht richtig Lust auf eine kleine Ostertour. Danke für den Bericht. Was sagst du Renato sind da über Ostern viele Leute?

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Renato
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Re: LETICIA - eine Reise in den tiefen Amazonas

Beitrag von Renato » 7. Apr 2011, 22:12

OSTERN wuerd ich nirgendwohin fahren. Leticia kannst Du vergessen, fraglich, ob Du jetzt noch Fluege kriegst. Alles teuer, dazu ueberfuellt. Solche Orte sind viel schoener, wenn man sie fuer sich alleine hat. Auch Cartagena, Tayrona Park etc. gilt es alles zu meiden.


Bogotano
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Re: LETICIA - eine Reise in den tiefen Amazonas

Beitrag von Bogotano » 7. Apr 2011, 22:14

Schnelle Antwort das gefällt mir. Hast wohl recht. Danke

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Renato
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Re: LETICIA - eine Reise in den tiefen Amazonas

Beitrag von Renato » 7. Apr 2011, 23:26

Ostern gilt es einfach zu meiden. Echt muehsam um dann zu reisen. Ausserdem fahren dann die ganzen Familien mit Grossmutter, 10 Enkel, 23 Kinder und 18 Primos in die Ferien. Und die machen viel viel viel Krach. Und solche Orte "fuehlt" man viel besser wenn es Nebensaison ist. Ausserdem ist es auch billiger. Ich empfehle Dir nach Ostern zu fahren.


osogrande
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Re: LETICIA - eine Reise in den tiefen Amazonas

Beitrag von osogrande » 28. Mai 2011, 10:59

Wir waren Weihnachten 2001 in Leticia, Dein Bericht ist absolut authentisch. Träumen heute noch vom Amazonas.


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LETICIA - eine Reise in den tiefen Amazonas

Beitrag von Kolumbienfan » 29. Dez 2011, 00:36

Das gefällt mir. Nach Bogotá kommt das an die Reihe. Vielen Dank für diese wertvolle Info. Unbezahlbar dieses Forum mit seiner Fülle an Information.