[Erfahrungsbereicht] Zwei Monate Santa Marta / Taganga

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thomassch
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[Erfahrungsbereicht] Zwei Monate Santa Marta / Taganga

Beitrag von thomassch » 25. Jan 2012, 02:24

seit fuenf wochen santa marta/taganga. naechster kulturschock. also endlich an der karibikkueste angekommen, aus dem kalten bus raus auf die heissen strassen, santa marta, ran an die bushaltestelle, bis der bus nach taganga kommt, "du kommst nicht mit... mit rucksack nehm ich dich nicht mit" na schoen, naechster bus 15 min spaeter, selbe nummer, also gut dann doch mit dem taxi, ist wohl alles etwas anders hier...(hab ich spaeter bei anderen auch gesehen...)

taganga ist eine kleine bucht, nur unweit (5min) von santa marta. ringsrum kleinere berge, die grossen (5.000er) sind leider nicht zu sehen. die bucht ist vielleicht 500 m breit, grober sand bis steinig und grau, gelegentlich viel treibgut, eine seite ist zum baden, auf der anderen liegen viele alte kaputte boote und diverser schrott rumm, aufraeumen? warum, die touristen kommen doch auch so.

und so ist alles hier, warum was machen, geht doch auch so, die paar strassen sind kaputt, ganz viel schotterstrassen, ausgeschwemmt, grosse mengen von sand und geroell von den regen nach unten gespuelt, bleibt alles liegen, wird festgetreten oder festgefahren. muell, reichlich, obwohl es eine muellabfuhr gibt. hier ist man eben anders.

es gibt noch so 2-3 fischer, die anderen vermieten lieber ihre strassenanteile vor den haeusern als parkplaetze, das ist wesentlich effektiver.

geschwindigkeit, dieses wort bekommt hier eine ganz neue bedeutung, geschwindigkeit ist, wenn man sich ueberhaupt bewegt, bewegungen unterscheiden sich grundsaetzlich von bogota z. b., hier ist halbe geschwindigkeit, oder in bogota doppelt so schnell, je nach standpunkt. auch der gang ist erwaehnenswert, schuhe, hauptsaechlich latschen muessen ueber den boden geschliffen werden, der schleichgang, lustlose bewegung wuerde nur ein ignorant behaupten, der kenner weiss, es ist suedlaendische lebensweise...

ich bin nicht als normaler tourist hier, sondern zum arbeiten, es gibt ein paar deutsche hier, fuer die ich was machen kann. die sind alle nett und sprechen meine sprache, das gilt nicht fuer den rest der einheimischen mitarbeiter. in dem moment, wo klar ist, ich bin kein neuer tourist, der geld bringt, sondern tageloehner, falle ich sofort durch, keiner sagt mehr guten tag, keiner hilft mir mehr bei irgendwas, ich bin allenfalls geduldet. hier gibt es eben ganz klare hierarchien, nach unten tritt man, das geht bei blossen ignorieren los und endet bei taeglichen dehmuetigungen wie das zugesagte essen nicht, teilweise oder spaeter wenn alle anderen fertig sind, auszugeben...

also gut, machen wir mal weiter, und was ich hier so jeden tag erlebe, ist schon sehr speziell, es wird wie selbstverstaendlich von den einheimischen mitarbeitern geklaut und betrogen und auf eigene rechnung gewirtschaftet. und ich immer mittendrin, macht mich natuerlich auch nicht grade beliebt, wenn ich das alles sehe und leider kann ich mich nicht schnell genug in luft aufloesen,

umgangsformen sind hier generell etwas anders, begruessung mangelware, z. b. im laden beschraenkt man sich auf den artikel und die menge/stueckzahl. die ware wird dann wortlos auf den tisch geknallt und das wars, wenn mehr als drei leute anstehen, wird sofort von hinten losgebruellt, was man haben will und das geld von hinten auf den tresen geworfen. als auslaender hat man natuerlich verstaendnis dafuer, die leute haben ja keine zeit, sie muessen ja wieder zurueck in ihre haengematte... ab und zu sage ich, entschuldigung, dass ich im weg stehe, ich will gar nichts kaufen, ich will mir die sachen nur ansehen...

umgangsformen, jeder macht hier einfach was er will, ruecksicht, was ist das... musik wird bei bedarf die ganze nacht durch gespielt, in beliebiger lautstaerke, so wie man gerade lust hat, egal, was mit dem nachbarn ist, aber eingeladen wird er auch nicht... autos halten einfach auf der strasse, wenn dem fahrer danach ist, fuer einen plausch mit dem nachbarn, fuer eine zigarrette oder einfach nur so... die hupende schlange dahinter ist voellig egal... leere getraenkeflaschen oder tueten werden nach leerung sofort fallengelassen ganz egal wo man gerade steht, auf nachfrage kommt dann wieder nur das beruehmte fragezeichen als gesichtsausdruck...

anderes beispiel: vor weihnachten hat der stromanbieter noch mal ein fast neues stromnetz im dorf eigezogen, das dritte(sichtbare), das problem sind die ganzen illegalen stromentnahmen, man sagt die haelfte aller haeuser haben illegale anschluesse, der konzern hofft, das mit einem neuen netz in den griff zu kriegen, (was fuer eine grosse investition...)

wasser, es gibt nur teilweise fliessendes wasser, sauberes sowieso nicht, es gibt kein interresse, daran etwas zu aendern, so kann eben wasser ueber tankwagen verkauft werden, fuer irgendwelche leute ist das lukrativer... auch bei dem existierenden wassernetz ist das problem die illegale entnahme, auch im ganzen dorf liegen ueberall wasserschlaeuche rum oder werden gelegentlich ausgerollt, um groessere entnahmen vorzunehmen.

an der wasserpumpstation zwischen santa marta und taganga sieht man an der strasse entlang viele kunststoffschlaeuche, woraus direkt aus der pumpstation das wasser abgezapft wird...

anderes beispiel, auf einer meiner baustellen hat die polizei angemahnt, dass die baustelle stillgelegt wird, wenn nicht sofort ihr anteil gezahlt wird, wird hier ganz offen drueber gesprochen...

mal ein paar erlebnisse aus santa marta beim material einkaufen, ich bestelle holz, ist abholbereit in 2 tagen, bezahlt wird gleich, nach 2 tagen ist nichts passiert, niemand kann sich an die bestellung erinnern, und die zustaendige person ist natuerlich nicht da, irgendwann kann ich mich verstaendlich machen, wer es war und man sagt mir zu, die person ist in 1/2 stunde da... jaja halber tag war es, dann ist endlich geklaert, dass ich bezahlt hatte und um welches holz es geht. bis zum ende des tages sollte dann alles fertig sein... ich versuche es erst gar nicht. naechster tag, da ist dann immerhin die haelfte fertig, bis ann alles fertig ist, ist auch dieser tag rum.

beim metallbauer genau dasselbe, laeden sind hier beliebig auszutauschen, es klappt einfach nichts, jegliche absprachen kann man von vornherein in die tonne treten. und wenn man die sachen dann endlich hat, passen die masze nicht. also irgendwie hinmurksen, damit es wenigstens weiter geht...

anderes beispiel, das trinkwasser kauft man sich in flaschen oder plastikbeuteln, beutel sind deutlich billiger als flaschen, wenn man dann so ein 5 liter beutel auf flaschen verteilt, kommen 3,5 bis 4 liter heraus, immer, jedes mal,

hier gibts viel unerwartetes zu entdecken, wenn man nicht als tourist unterwegs ist, ...

seit acht wochen hier, allmaehlich spricht sich herum, dass ich da bin. ich werde immer haeufiger angesprochen von europaeern, und es sind einige hier, die hier geschaefte betreiben, ob ich nicht das eine oder andere reparieren kann, die moeglichkeiten sind groesser geworden, auch laengerfristige perspektiven,...

mal sehen, wie lange ichs noch hier mache, ich moechte es ja umbedingt noch mal woanders probieren, um vergleich zu haben...

visum, bei der ersten visa-verlaengerung gab es nur einen monat, bei der zweiten visa-verlaengerung in santa marta gab es ploetzlich drei monate, also bis zum ende meines halben jahres. in beiden faellen habe ich nichts gesagt oder gefragt, ich wurde auch nichts gefragt, ist halt einfach so passiert...

gruesse, thomas

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Eisbaer
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Zwei Monate Santa Marta / Taganga

Beitrag von Eisbaer » 25. Jan 2012, 03:11

Danke Thomas für diesen unbezahlbaren Erfahrungsbericht aus erster Hand ;-)
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Ernesto
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Zwei Monate Santa Marta / Taganga

Beitrag von Ernesto » 25. Jan 2012, 14:29

Sehr gut geschrieben. Vielen Dank dafür :fel:

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Zwei Monate Santa Marta / Taganga

Beitrag von Wanderer » 25. Jan 2012, 19:14

Der erste Eindruck ist wichtig. Bestens berichtet. Danke Thomas


Ramiro / Hermannus
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Zwei Monate Santa Marta / Taganga

Beitrag von Ramiro / Hermannus » 26. Jan 2012, 01:21

@thomassch
Es ist einfach ein Genuß Deine Berichte zu lesen, du siehst auch das wesentliche und gibts es ungeschminkt weiter , ich erlebe auch immer wieder Haarsträubende Zustände hier aber auch unglaublich freundliche ,hilfsbereite Menschen die vieles möglich machen was auf den ersten Blich unmöglich scheint, irgendwie geht es dann aber doch , allerdings muss ich nicht mehr arbeiten .
Es ist bewundernswert wie Du Dich hier durchschlägst und es bleibt mir nur Dir alles Gute zu Wünschen.

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Zwei Monate Santa Marta / Taganga

Beitrag von ColombiaOnline » 28. Jan 2012, 02:12

Da kann ich mich Hermanus nur anschließen. Es ist ein Genuss diese voll die Wahrheit treffenden Berichte zu lesen. Viel Glück ;-)
„Wer fragt, ist ein Narr für eine Minute. Wer nicht fragt, ist ein Narr sein Leben lang.“

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Zwei Monate Santa Marta / Taganga

Beitrag von Nasar » 28. Jan 2012, 02:45

:app: Spitze Thomas. Danke, das liest sich sehr gut :app:
Fünf sind geladen, zehn sind gekommen, gieß Wasser zur Suppe, heiß alle willkommen.

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Zwei Monate Santa Marta / Taganga

Beitrag von schweizer » 28. Jan 2012, 16:04

Du kannst gut schreiben. Danke Thomas das du uns diese Eindrücke miterleben lässt.


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Zwei Monate Santa Marta / Taganga

Beitrag von Globetrotter » 29. Jan 2012, 00:12

Treffend bzw. Volltreffer so geht es dort ab.


Montaña
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Zwei Monate Santa Marta / Taganga

Beitrag von Montaña » 31. Jan 2012, 20:09

Mir gefaellt es wie du schreibst Thomas. Viel Erfolg und danke fuer diesen Bericht.


OliCO
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[Erfahrungsbereicht] Zwei Monate Santa Marta / Taganga

Beitrag von OliCO » 26. Aug 2017, 21:16

Ja, Taganga ist definitiv die letzte Müllkippe. Da war ich einmal und nie wieder. Das einzig tolle ist der Club El Mirador de Taganga hoch über der linken Seite der Bucht. EIn Traum. Aber der Strand und die Abzockbuden dahinter, das muß man sich nicht geben.

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[Erfahrungsbereicht] Zwei Monate Santa Marta / Taganga

Beitrag von Macondo » 26. Aug 2017, 22:17

Vor ein paar Monaten war ich auch in Taganga. Nach ein paar Stunden (inkl. abhängen am Strand) konnte ich dieses "Event" meiner Reise nach Santa Marta abhaken. Ich machte ähnliche Beobachtungen wie Thomas. Meine Frau und ich hatten nicht das Bedürfnis nochmals nach Taganga zurück zu kehren. Ich glaube, dass Teenager sich dort eventuell austoben können. Wir konnten jedenfalls nichts Besonderes entdecken, für das es sich gelohnt hätte dort länger zu verweilen.