Kolumbien vor den Wahlen 2026 – Wer kann Petro beerben?

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Eisbaer
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Kolumbien vor den Wahlen 2026 – Wer kann Petro beerben?

Beitrag von Eisbaer »

⇒ Letzter Beitrag der vorhergehenden Seite:

Das Thema Paloma Valencia und die Frage, wer auf Petro folgen könnte, wird ja bei uns im Forum gerade diskutiert. Ich habe dazu passend einen brandaktuellen Artikel bei Bloomberg Línea gefunden, der den Titel trägt: "La carrera presidencial en Colombia cambia y Valencia gana terreno".

Hier ist ein kurzes Update für unsere Runde, wie sich die Lage laut dem Bericht gerade zuspitzt. Es scheint sich ein echtes Kopf-an-Kopf-Rennen abzuzeichnen. Nachdem Paloma Valencia die Vorwahlen im konservativen Lager (Centro Democrático) so deutlich für sich entschieden hat – sie hat dort ja über 3,2 Millionen Stimmen geholt –, bescheinigt ihr Bloomberg nun einen massiven Aufwind in den landesweiten Umfragen.

Die wichtigsten Punkte aus dem Artikel: In den neuesten Umfragen (CNC) liegt Valencia inzwischen stabil auf dem zweiten Platz. Sie ist damit die klare Gegenspielerin zum Lager von Petro, das aktuell von Iván Cepeda angeführt wird. Besonders spannend ist die Prognose für eine mögliche Stichwahl im Juni. Laut Bloomberg würde Valencia dort momentan mit etwa 0,4 % vor Cepeda liegen. Das ist zwar innerhalb der Fehlertoleranz, zeigt aber deutlich, dass das Pendel gerade Richtung Opposition ausschlägt. Der Artikel betont, dass die Investoren sehr genau hinschauen. Das Land kämpft mit einem hohen Haushaltsdefizit und Sicherheitsrisiken, und Valencia positioniert sich hier als die "starke Hand", die zum pro-westlichen Kurs und einer härteren Sicherheitspolitik zurückkehren will.

Für unsere Diskussion bedeutet das: Valencia ist nicht mehr nur die "uribitische Senatorin" vom rechten Rand, sondern sie hat sich in den letzten Wochen zur zentralen Integrationsfigur der kolumbianischen Rechten und Mitte-Rechten entwickelt. Dass sie nun sogar in den Umfragen an Cepeda vorbeizieht (wenn auch knapp), gibt dem Wahlkampf eine völlig neue Dynamik.

Was meint ihr? Kann sie diesen Schwung bis zur ersten Runde am 31. Mai halten, oder mobilisiert das Regierungslager jetzt erst recht?
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Dolfi
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Kolumbien vor den Wahlen 2026 – Wer kann Petro beerben?

Beitrag von Dolfi »

Ich habe einige ihrer Wahlkampsauftritte gesehen, und hängen geblieben ist bei mir vor allem, dass sie sich für härtere Sicherheitsmaßnamen einsetzt und für Steuersenkungen für die Unternehmen.

Erscheint mir ein wenig dünn für ein Land mit vielfältigen Problemen wie Kolumbien.
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Eisbaer
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Kolumbien vor den Wahlen 2026 – Wer kann Petro beerben?

Beitrag von Eisbaer »

Im Präsidentschaftswahlkampf 2026 hat sich die politische Landkarte erneut verschoben. Nach einer intensiven Sitzung am 15. April 2026 gab die Partei Cambio Radical bekannt, ihren Mitgliedern bei der Wahl am 31. Mai volle Freiheit bei der Unterstützung zweier Kandidaten zu lassen: Die Wähler der Partei können sich nun offiziell zwischen der konservativen Favoritin Paloma Valencia und dem Rechtsanwalt Abelardo de la Espriella entscheiden.

Ein entscheidendes Detail dieser Entscheidung ist das explizite Verbot für die Parteimitglieder, den Kandidaten des Regierungslagers, Iván Cepeda, zu unterstützen. Während sich andere traditionelle Kräfte wie die Konservative Partei und der Partido de la U bereits geschlossen hinter Valencia formiert haben, spiegelt der Entschluss von Cambio Radical die aktuelle Zerrissenheit innerhalb der politischen Rechten und Mitte-Rechten wider.

Abelardo de la Espriella, der oft mit Vergleichen zu Donald Trump oder Javier Milei assoziiert wird, agiert weiterhin als eigenständiger Herausforderer am rechten Rand. Dies sorgt für eine neue Dynamik, da die Stimmen der Opposition nun zwischen zwei starken Profilen aufgeteilt werden könnten. Das Hauptziel der Allianzbildungen bleibt jedoch die Verhinderung eines Wahlsiegs von Iván Cepeda, der momentan in den Umfragen eng mit Valencia gleichauf liegt. Für Beobachter des Wahlkampfs verdeutlicht dieser Schritt, dass die traditionellen Parteien versuchen, ihre Wählerbasis zu mobilisieren, ohne sich in dieser frühen Phase auf nur eine einzige Leitfigur festzulegen.
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Kolumbien vor den Wahlen 2026 – Wer kann Petro beerben?

Beitrag von coentros »

Wahltaktisch macht das sicherlich Sinn. Es wird ja kaum im ersten Wahlgang bereits eine Entscheidung erzielt werden. Nach der ersten Runde wird sich der rechte Flügel in der Stichwahl dann auf die Person einigen die in der ersten Runde die meisten Stimmen geholt hat.

Momentan habe ich Zweifel, dass ein Kandidat der rechten Parteien am Ende die Oberhand behalten wird. Die taktischen Wahlgeschenke des aktuellen Präsidenten habe ihre Wirkung. Die aktuellen Probleme in der Haushalts- und Fiskalpolitik für die grosse Mehrheit der Wähler zu abstrakt.

Dolfi
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Kolumbien vor den Wahlen 2026 – Wer kann Petro beerben?

Beitrag von Dolfi »

Als ich im Februar in Medellín war, waren eigentlich alle, mit denen ich gesprochen habe, überzeugt, dass Cepeda haushoch gewinnt. Der Wind scheint sich gedreht zu haben.
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News Robot
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Wettfieber: Abelardo de la Espriella zieht auf Wettplattform an Iván Cepeda vorbei

Beitrag von News Robot »

Nur wenige Tage vor dem ersten Wahlgang am 31. Mai zeichnet sich in Kolumbien ein bemerkenswerter Stimmungswechsel ab – zumindest, wenn man den internationalen Prognosemärkten Glauben schenkt.

Wie das Magazin Semana berichtet, hat der konservative Anwalt und Kandidat der Bewegung „Defensores de la Patria“, Abelardo de la Espriella, auf der weltweit größten Krypto-Wettplattform Polymarket einen massiven Sprung nach vorn gemacht. Laut den aktuellen Daten der Plattform wird seine Chance, die Präsidentschaft zu übernehmen, derzeit auf beachtliche 61 Prozent beziffert. Damit hat er die Dynamik im Endspurt des Wahlkampfs sichtlich gedreht.

Sein schärfster Rivale, Iván Cepeda vom linksgerichteten Regierungsbündnis „Pacto Histórico“, der diese spezifischen Wett-Metriken über Monate hinweg angeführt hatte, rutschte spürbar ab und liegt aktuell nur noch bei einer Wahrscheinlichkeit von 36 Prozent. Einen regelrechten Einbruch erlebte unterdessen Paloma Valencia vom „Centro Democrático“: Ihre Chancen auf den Einzug in die Casa de Nariño sind laut den Wettenden auf magere 5,4 Prozent zusammengeschrumpft.

Es ist allerdings wichtig, diese Zahlen richtig einzuordnen. Bei den Werten von Polymarket handelt es sich nicht um klassische Wählerbefragungen, sondern um die Einschätzungen von Usern, die echtes Geld auf den Ausgang der Wahl setzen. Diese Prognosemärkte gelten in der politischen Analyse zunehmend als hochsensibles Stimmungsbarometer für Trends, spiegeln jedoch das reale Wahlverhalten an den Urnen oft mit einer gewissen Volatilität wider. Jüngste Umfragen des Instituts AtlasIntel zeigten beispielsweise ein deutlich knapperes Bild zwischen Cepeda und De la Espriella, prognostizierten für eine Stichwahl jedoch ebenfalls Vorteile für De la Espriella. Wer am Ende tatsächlich die Nachfolge von Gustavo Petro antritt, entscheidet sich am kommenden Wahlsonntag.
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Eisbaer
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Ein Blick zurück nach vorn – Warum uns die politische Mitte fehlt

Beitrag von Eisbaer »

Ich verfolge das Thema hier mit großem Interesse, auch wenn es bisher leider etwas ruhig geblieben ist. Wenn ich mir die aktuelle Liste der potenziellen Präsidentschaftskandidaten für die Nachfolge von Petro so ansehe, beschleicht mich ein ziemlich ungutes Gefühl. Egal aus welcher Ecke sie kommen – bei fast jedem von ihnen habe ich den Eindruck: Das kann für Kolumbien eigentlich nur noch unruhiger und schlimmer werden. Die Polarisierung frisst das Land auf.

Das bringt mich zu einem Namen, der hier im Thread noch nicht gefallen ist, obwohl er gerade vor seinem allerletzten großen politischen Auftritt steht: Sergio Fajardo.

Manche wissen es vielleicht nicht, aber ich hatte damals das große Privileg, im Rahmen einer Podiumsdiskussion ein langes, sehr persönliches Gespräch mit ihm zu führen. Er hat mich damals tief beeindruckt – als Mensch, vor allem aber als Politiker mit einem klaren, neuen Ansatz. Seine Erfolge als Bürgermeister von Medellín und später als Gouverneur von Antioquia sind dokumentiert: Er galt in mehreren unabhängigen Umfragen als einer der besten Bürgermeister des Landes, weil er die Stadt aufgeräumt, massiv in Bildung investiert (die Parques Biblioteca) und vielen Menschen eine Perspektive jenseits der Gewalt gegeben hat.

Heute gilt Fajardo in der kolumbianischen Presse oft als „politisch verbrannt“. Aber woran liegt das wirklich?

Zum einen am ewigen Drama um das Wasserkraftwerk Hidroituango. Im Wahlkampf versuchte man mit aller Macht, ihm als damaligem Gouverneur die administrative Schuld für die baulichen Katastrophen anzuhängen. Fakt ist: Juristisch wurde er längst vollständig von diesen Vorwürfen entlastet. Politisch hängt der Schaden bis heute nach – das will ich nicht schönreden. Aber wer das als Beleg für seine Unfähigkeit anführt, müsste auch sagen, dass er bis zur letzten gerichtlichen Klärung durchgehalten hat, ohne sich wegzuducken.

Zum anderen wurde er in diesem tief gespaltenen Land zwischen extremem Uribismus und Petrismus als Mann der Mitte – oft spöttisch „tibio“ (lauwarm) genannt – schlicht zerrieben. Wer in Kolumbien nicht laut schreit und Gräben zieht, geht im politischen Lärm unter.

Wie ungeheuer konsequent und aufrecht der Mann geblieben ist, hat er erst vor wenigen Tagen wieder bewiesen: Bei dem vieldiskutierten Treffen in Barranquilla hat Paloma Valencia ja versucht, ihn für eine Zusammenlegung der Kräfte zu gewinnen. Fajardo hat ihr eine klare Absage erteilt. Er hat unmissverständlich klargemacht, dass er sich für solche politischen Zweckbündnisse nicht hergibt, und gleichzeitig angekündigt, dass dies mit seinen bald 70 Jahren definitiv seine letzte Kandidatur und sein letzter politischer Auftritt sein wird. Er bleibt sich bis zum Schluss treu, anstatt für den reinen Machterhalt seine Prinzipien zu opfern.

Wenn ich mir das heutige Bewerberfeld anschaue, sage ich ganz offen: Ich würde mir einen besonnenen, akademisch denkenden Menschen wie Sergio Fajardo als Präsidenten wünschen. Jemanden, der Verwaltung kann, Bildung über Ideologie stellt und das Land versöhnen statt spalten will.

Leider wird es im aktuellen Klima am Sonntag nicht dazu kommen, dafür ist das Land zu tief gespalten. Die Zeiten für die politische Mitte sind in Kolumbien gerade vorbei. Aber träumen darf man ja noch.

Mich würde interessieren, wie die anderen Residenten hier im Forum, die die Fajardo-Ära in Medellín oder Antioquia miterlebt haben, seine damalige Arbeit im Rückblick bewerten?
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coentros
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Ein Blick zurück nach vorn – Warum uns die politische Mitte fehlt

Beitrag von coentros »

Ich würde mir einen besonnenen, akademisch denkenden Menschen wie Sergio Fajardo als Präsidenten wünschen“. Das ist ein sehr schönes Bild, dem ich in jeder Hinsicht zustimme.

Auch hier würde ich sagen…das zunehmende Fehlen solcher Politiker und der politischen Mitte ist ein globaler Trend. Er findet sich in Industrienationen genauso wie in den emerging markets, und in den failed states sowieso. Extremisten und einfache Botschaften überall auf dem Vormarsch, in beiden Extremen des politischen Spektrums. „Ausländer raus“ oder auf der anderen Seite „Angemessene Mindestlöhne (oder Bürgergeld) von dem man anständig leben kann Bitteschön gefälligst für alle“.

Die Mehrzahl der Menschen in der überbevölkerten Erde wollen genau solche einfache Botschaften, und tatsächlich befürworten viele auch eher diktatorische Zustände. Ich bin sehr gespannt auf die midterms in den USA und ob dort wirklich ein klares Signal gesendet werden wird.

Was Kolumbien und die Übel der beiden Extreme betrifft. Am Ende bin ich eher dort wo ich mir am ehesten eine Verbesserung der inneren Sicherheit erhoffe. Denn ohne diese ist alles andere eigentlich nichts.
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Wenn Beton, Glas und Bücher mächtiger sind als Waffen – Eine Zeitzeugen-Erinnerung

Beitrag von Eisbaer »

@coentros,

da stimme ich dir absolut zu – die Sehnsucht nach einfachen, oft radikalen Botschaften ist leider ein weltweites Phänomen, und die politische Mitte wird derzeit überall aufgerieben.

Aber wenn wir den Blick ganz konkret auf Kolumbien richten, geht es bei der Sehnsucht nach einem Mann wie Fajardo um weit mehr als nur um ein „schönes, akademisches Bild“. Ich habe diese Ära in Medellín selbst hautnah miterlebt – zu einer Zeit, als die meisten der heutigen Residenten hier noch gar nicht im Land waren. Das ist kein Argument für sich, aber es macht einen Unterschied: Ich war damals vor Ort, ich habe die Veränderungen gesehen, bevor sie in den Nachrichten waren.

Wer das Medellín von vor 20 Jahren kennt, weiß, was Fajardo dort geleistet hat. Das war kein theoretischer Populismus, sondern harte, praktische Arbeit an der Basis. Ich erinnere mich gut daran, wie in den ärmsten und gefährlichsten Comunas – in San Javier, in Santo Domingo Savio – plötzlich diese gläsernen, modernen Bibliotheken aus dem Boden wuchsen, die Parques Biblioteca. Biblioteca España ist das bekannteste Beispiel. Damals dachten viele: „Das wird eingeschossen.“ Aber das Gegenteil trat ein. Fajardo hat den Menschen dort oben ihre Würde zurückgegeben. Nicht mit Worten, sondern mit Beton, Glas und Büchern.

Was viele nicht mehr wissen: Die Gewalt in diesen Vierteln ging nach dem Bau der Bibliotheken und Parkanlagen signifikant zurück. Das ist nicht nur mein Eindruck – das belegen auch spätere Studien zur Stadtentwicklung Medellíns. Seine Logik war einfach, aber klug: Der Staat muss dorthin, wo er vorher nicht war. Nicht nur mit Polizei, sondern mit Bildung, Kultur und Infrastruktur.

Du hast völlig recht: Innere Sicherheit ist das Fundament. Ohne sie ist alles nichts. Aber genau hier liegt der Punkt, den ich aus eigener Erfahrung gesehen habe: Fajardo hat bewiesen, dass nachhaltige Sicherheit nicht nur durch Kontrolle entsteht, sondern durch soziale Präsenz. Wer eine Perspektive hat, greift seltener zur Waffe. Das klingt banal, aber in der Praxis war es revolutionär – und in Kolumbien bis heute leider die Ausnahme.

Schade, dass diese Art von besonnener, visionärer Politik im heutigen lauten Wahlkampfgeschrei kaum noch eine Chance hat. Aber wer damals in Medellín war, der weiß: Es ging einmal anders.
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Bogotano
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Kolumbien vor den Wahlen 2026 – Wer kann Petro beerben?

Beitrag von Bogotano »

Ich klinke mich hier mal ganz unaufgeregt ein. Wenn ich mir das Ganze hier so durchlese, muss ich ehrlich sagen: Meine Frau und ich werden dieses Wochenende erst gar nicht zur Wahlurne gehen. Wir packen am Freitag die Sachen und verbringen die Tage lieber ganz entspannt außerhalb der Stadt auf unserer Finca. Wenn man die Sache mit ein bisschen Abstand betrachtet, wird einem nämlich klar: Kolumbien steht am Sonntag vor einer reinen Illusion von drei Wegen, und am Ende verwalten wir ab 2026 doch nur den nächsten Niedergang.

Schaut man sich das Bewerberfeld doch mal ganz nüchtern an:

Da haben wir zuerst Iván Cepeda. Auf dem Papier verspricht er die Fortsetzung von Petros Traum: soziale Gerechtigkeit und noch mehr „Friedenspolitik“. Die bittere Realität dieser Verhandlungsstrategie sehen wir doch aber jeden Tag auf der Straße: Die bewaffneten Gruppen sind im ganzen Land so stark wie lange nicht mehr, weil sie keinen echten Druck mehr spüren. Wirtschaftlich droht uns unter ihm noch mehr Staatsapparat, höhere Steuern und eine blockierte Privatwirtschaft. Dazu kommt, dass Cepeda ein reiner Aktivist ist – der Mann hat noch nie eine größere Behörde geleitet. Uns droht das pure administrative Chaos, verpackt in die Rhetorik von „wir gegen die anderen“.

Auf der ganz anderen Seite inszeniert sich Abelardo de la Espriella als der große kolumbianische Bukele. Seine „Patria Milagro“ mit Megacárceles und totaler Härte klingt für viele, die von der Unsicherheit die Nase voll haben, natürlich verlockend. Aber das ist ein brandgefährlicher Trugschluss. Diese kompromisslose Härte wird im ländlichen Raum zu einer Explosion der Gewalt führen, und wir fallen direkt zurück in die dunkelsten Zeiten der 90er Jahre. Zudem ist er ein absoluter politischer Outsider ohne echte Hausmacht im Kongress. Er würde sich von Tag eins an nur in Grabenkämpfen aufreiben. Die Folge wäre kein Wunder, sondern eine totale politische Lähmung.

Bleibt noch die Rückkehr des traditionellen Uribismus mit Paloma Valencia. Sie verspricht die „sichere Bank“: Stabilität, Ordnung und ein gutes Klima für Unternehmer. Klingt vertraut, hat aber ein riesiges Problem: Sie repräsentiert genau jene alten politischen Eliten, die die strukturellen Probleme Kolumbiens – die immense soziale Ungerechtigkeit und die Korruption – über Jahrzehnte überhaupt erst geschaffen haben. Ihre Sicherheitspolitik setzt stur auf rein militärische Lösungen, was in 60 Jahren Konflikt nachweislich nie zu dauerhaftem Frieden geführt hat. Am Ende wechseln unter ihr nur die Profiteure an den Fleischtöpfen, während das Land genauso tief gespalten bleibt.

Mein Fazit vom Liegestuhl aus: Egal, ob wir nach links zu Cepeda blicken, zum populistischen Extrem mit De la Espriella oder zurück zur alten Garde um Valencia – alle drei Wege führen in dieselbe Sackgasse aus noch mehr Polarisierung und Konflikten. Es fehlen die besonnenen Brückenbauer.

Deshalb sparen wir uns den Zettel für die Urne, genießen die Ruhe im Grünen und schauen uns das Theater aus der Ferne an. Schönes Wochenende allerseits!

coentros
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Kolumbien vor den Wahlen 2026 – Wer kann Petro beerben?

Beitrag von coentros »

Vielen Dank @Bogotano & Eisbaer für Eure Einschätzungen und Meinungen. Das mit den Bibliotheken und der Bildung wäre in der Tat ein wichtiger Baustein einer langfristig angelegten Strategie.

Ansonsten hoffe ich immer noch, dass die modernen Vertreter des traditionellen Uribismus gelernt haben. Nicht nur aus den alten Zeiten des Paramilitarismus, sondern auch was unter Duque im April/Mai 2021 passiert ist. Die gewaltsamen Zusammenstösse, Unruhen und Tote damals in Cali eine Folge bzw ausgelöst durch eine gescheiterte und inhaltlich schwache Reform tributaria. Ich habe damals dem konservativen Teil der Verwandtschaft gesagt, dass die Rechte dafür den Preis bei den Wahlen 2022 bezahlen und verlieren wird. Ich hoffe sehr, dass Paloma Valencia aus der Vergangenheit einige Lehren gezogen hat.

Ansonsten gäbe es durchaus Beispiele, dass ein hartes law-and-order, immer gepaart mit anderen Maßnahmen (!), Städte oder Länder wieder sicherer gemacht haben. Der Preis dafür ist hoch, kein Zweifel. Aber so wie in den letzten Jahren kann es auch nicht weitergehen. Die organisierte Kriminalität lacht sich ins Fäust'chen angesichts der Friedenstauben die stetig mit Ihnen verhandeln und reden wollen, während sie weiter ihre Macht ausbauen.
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Bogotano
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Kolumbien vor den Wahlen 2026 – Wer kann Petro beerben?

Beitrag von Bogotano »

@coentros, vielen Dank für deine historische Einordnung – und ja, du hast völlig recht: Die Rechte hat 2022 die Quittung für eine handwerklich fatale Reformpolitik bekommen, und die Unruhen in Cali 2021 waren ein Warnschuss.

Aber wenn ich mir das aktuelle Bewerberfeld für Sonntag so ansehe, werde ich ehrlich gesagt auch nicht froh. Meine Frau und ich werden trotzdem wählen gehen – aber mit Bauchschmerzen. Denn wenn man gar nicht wählt, überlässt man das Feld nur den Extremen. Denn was uns da als drei „Alternativen“ verkauft wird, ist in Wahrheit die Illusion von Wahlfreiheit.

Schauen wir uns die Szenarien nüchtern an:

Iván Cepeda verspricht soziale Gerechtigkeit und noch mehr Friedensverhandlungen. Aber die Realität auf den Straßen zeigt: Die bewaffneten Gruppen sind so stark wie lange nicht, weil sie kaum noch militärischen Druck spüren. Wirtschaftlich droht unter ihm noch mehr Staatsapparat, höhere Steuern und eine blockierte Privatwirtschaft. Und ja: Er hat noch nie eine größere Behörde geleitet – das ist kein automatisches Ausschlusskriterium, aber es ist ein Risiko.

Abelardo de la Espriella inszeniert sich mit „Patria Milagro“ als kolumbianischer Bukele. Megacárceles, totale Härte in 90 Tagen – das klingt für viele verlockend, die von der Unsicherheit die Nase voll haben. Aber ich fürchte, das ist ein Trugschluss. Solche kompromisslosen Ansätze haben in Kolumbien historisch nicht zu weniger, sondern zu mehr Gewalt geführt – vor allem im ländlichen Raum. Dazu kommt: Er ist ein politischer Outsider ohne Hausmacht im Kongress.

Paloma Valencia – und hier wird es konkret, @coentros. Du hoffst, dass dieser Flügel aus der Vergangenheit gelernt hat. Ich sehe leider das Gegenteil. Am 25. April 2026, also vor gut einem Monat, hat Valencia auf einer Veranstaltung in Antioquien wörtlich gesagt (Quelle: El País): „Yo tengo visto un ministro y necesito que los antioqueños me lo convenzan. Yo quiero al presidente Uribe defendiendo la seguridad democrática.“ Sie will also Álvaro Uribe höchstpersönlich als ihren Verteidigungsminister.

Das ist für mich der Beleg: Diese Strömung hat nichts dazugelernt. Sie will nicht neue Konzepte für die komplexe Sicherheitslage von heute – sie will das Rad der Zeit um 20 Jahre zurückdrehen und die alten, rein militärischen Rezepte reaktivieren. Die „Sicherheit total“, die sie ankündigt, ist die „Sicherheit democrática“ von damals, nur mit neuem Etikett.

Und genau hier fehlt mir der Typ Politiker, der es anders gemacht hat: einer wie Sergio Fajardo. Kein Populist, kein Hardliner, kein Aktivist. Sondern jemand, der in Medellín gezeigt hat, dass Sicherheit nicht nur durch Kontrolle entsteht, sondern durch soziale Präsenz. Die Parques Biblioteca waren kein nettes Bildungsprojekt am Rande – sie waren das Herzstück einer Strategie, die den Staat dorthin gebracht hat, wo vorher nur die Gewalt herrschte. Das hat funktioniert.

Du hast recht: Die organisierte Kriminalität lacht über reine Friedenstauben, die nur reden und verhandeln. Aber die vermeintlich „harte Hand“ von Valencia mit Uribe im Hintergrund führt uns nicht in eine bessere Zukunft – sie führt uns zurück in die Vergangenheit, in die nächste Eskalationsspirale.

Also werde ich am Sonntag wählen gehen – aber ohne Begeisterung. Und mit dem Gefühl, dass wir am Ende doch nur den nächsten Niedergang verwalten.