Kolumbien vor den Wahlen 2026 – Wer kann Petro beerben?

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Don Maximo
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Kolumbien vor den Wahlen 2026 – Wer kann Petro beerben?

Beitrag von Don Maximo »

⇒ Letzter Beitrag der vorhergehenden Seite:

@Axko, erlaube mir eine Präzisierung für die, die es ev. nicht ganz mitbekommen haben: Herr de la Espriella besitzt keine doppelte, sondern eine dreifache Staatsangehörigkeit. Kolumbianische, italienische und seit 2023 US-amerikanische. Gerade der Eid, den er für den Erwerb der letztgenannten Staatsangehörigkeit geleistet hat, ist an sich nicht mit einem Präsidentschaftsamt in Kolumbien vereinbar (siehe spoiler in meinem letzten Beitrag). Was die Immobilienpreise in der Toskana angeht, sehe ich keinen Zusammenhang mit der Frage. Ich kann dir jedoch versichern, dass du für ein gutes Anwesen in der Toskana in deinen Geldbeutel weitaus tiefer greifen musst als für ein vergleichbares Anwesen in Kolumbien. Aber an Mitteln mangelt es Espriella sicherlich nicht. Deiner Bemerkung „Der Wählerschaft fehlt der Sachverstand! Nicht nur in Kolumbien! Weltweit!“ stimme ich voll und ganz zu. Hier kommen wir genau auf das Thema der politischen Mündigkeit zu sprechen, das ich angedeutet hatte und das natürlich nicht nur Kolumbien betrifft. Da möchte ich an dieser Stelle z. B. auf "A Cult of Ignorance" von Isaac Asimov hinweisen, der es ziemlich auf den Punkt gebracht hatte und was er für die USA meinte, kann man getrost auf die ganze westliche Demokratie übertragen. Wer frei wählen möchte, wird zudem nicht selten von vornherein behindert oder bedroht. Selbst in der Schweiz musste ich in meiner eigenen Familie miterleben, wie Familienmitglieder systematisch dazu gezwungen wurden, so zu wählen, wie es mein Vater und mein Großvater vorschrieben. Die Wahlumschläge kamen nach Hause. Sie wurden zu Hause ausgefüllt, in den Umschlag gesteckt und am Wochenende zur Wahlurne gebracht. Unnötig zu erwähnen, dass man die Stimmzettel unter den strengen und aufmerksamen Blicken meines Vaters oder meines Grossvaters ausfüllen musste. Noch heute ist es in vielen Familien so gut wie selbstverständlich, dass Frauen und andere Familienmitglieder die vom Familienoberhaupt diktierte Stimme abgeben, auch wenn diese von der eigenen Meinung abweicht.
Gerade an diesem Wochenende wurde die von der Rechtsgerichteten populistischen Schweizer Partei SVP lancierte 10-Millionen-Initiative an der Urne immerhin abgelehnt. Diese Initiative ist ein Beispiel für die Doppelmoral und politische Heuchelei der Schweiz. Unternehmen von Schweizer Politikern der SVP, die die Initiative lanciert hat, weisen selbst eine der höchsten Quoten an ausländischen Mitarbeitern auf. Gerade sie ziehen mit ihrer Politik der Erleichterungen und Steuerprivilegien gezielt ausländische Unternehmen und Arbeitskräfte an. Viele Schweizer sehen sich dann nicht zu unrecht als "versäckelt" an.
Aber zurück zu Kolumbien:
Was ich im Fall von Espriella besonders alarmierend finde, ist seine unbestreitbare Ausrichtung und Zugehörigkeit zu jener globalen politischen neofaschistischer Bewegung, mit der er unbestreitbar tief verwurzelt ist. Und wenn ich einen Vergleich mit Frau Meloni in Italien anstelle, ist diese im Vergleich dazu (mittlerweile) geradezu harmlos.
Virtus Junxit Mors Non Separabit

coentros
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Kolumbien vor den Wahlen 2026 – Wer kann Petro beerben?

Beitrag von coentros »

Die Radikalisierung finde ich zwar auch sehr bedenklich. Das beschriebene Phänomen des Neofaschismus, anderswo als Postfaschismus bezeichnet, manifestiert sich meines Erachtens jedoch in vielen Schattierungen, mal mehr, mal weniger ausgeprägt. Man kann über die genaue Positionierung und Konzepte, namentlich konkrete Beispiele bei Meloni und ihrer Partei Fratelli d’Italia ebenso streiten wie bei Le Pen in Frankreich, weiter über Orban in Ungarn, Bolsonaro in Brasilien oder Donald Trump und MAGA.

Ich sehe zweifellos ein globales Phänomen, jedoch keine eineinheitliche Bewegung oder ein Gebilde das von irgendjemandem global angeführt wird. Aufgrund von Internet & Co erscheint das ganze eher chaotisch getrieben, angefeuert durch social media mit zwangsläufiger Informationsüberflutung.

Abgesehen von gegenseitigen Sympathiebekundungen und einzelnen Treffen erscheint mir die Realpolitik am rechten Rand regelmässig von Aktionismus geprägt, eben populistisch. Postfaschistische Agenden kommen mitunter schneller als gedacht an ihre Grenzen oder wechseln mitunter sprunghaft, opportunistisch die Richtung. Dazu passen dann auch wunderbar die abfälligen Äusserungen des US-Präsidenten kürzlich über die italienische Ministerpräsidentin. Ich glaube so werden wir auch weiterhin noch viele Beispiele sehen. Man überlege nur mal, die AfD in DE und die SVP in CH müssten real irgendwas gemeinsam voranbringen. Die würden sich ganz schnell selber zerfleischen. Ansonsten finden sich einige der radikaleren Ausleger anderswo inzwischen im offside wieder, siehe Bolsonaro oder der abgewählte Orban. Was im Irankonflikt aktuell bzw scheinbar erreicht wurde ist effektiv eine schlechtere Position als vorher. Nur dass der enorme Aufwand für diesen wirklich bemerkenswerten deal, je nach Quelle, bislang zwischen 20-30 Milliarden Dollar gekostet hat. Ich glaube das werden sehr viel mehr Wähler in den USA irgendwie merken, und sei es indirekt durch reale Inflation, auch diejenigen denen manche es vielleicht nicht zutrauen. Einfach gesagt, ich erwarte die Rechnung wird auch dort noch kommen und wirksam werden.

Wo in diesem Spektrum nun de la Espriella genau einzuordnen ist und wie „wirksam radikal“ er tatsächlich werden würde, so er denn gewählt wird ? Ich rechne vor allem damit, dass die Ernüchterung sehr schnell eintreten wird. Wenn die Kolumbianer merken, dass auch er, welch Überraschung, nicht zaubern kann.

Darüberhinaus sollte nicht vergessen werden, dass insbesondere in Kolumbien auch den extremen Kräften auf der linken Seite effektiv begegnet werden muss. Die aussenparlamentarische Opposition in Kolumbien leider sehr gewaltsam, bewaffnete Guerillagruppen, militante Untergrundorganisationen, praktisch alle mehr oder weniger systematisch mit der internationalen Drogenmafia verknüpft. Die bisherige Agenda wirkungslos, die Politik überfordert. Manchmal würde ich dort zu gerne wissen was vermutlich kaum jemand wirklich weiss.


Vielleicht noch ergänzend eine Anleihe aus dem Nachbarthread: „Cúcuta, eine Stadt die durch Angst zum Schweigen gebracht wurde“. Ermordete Journalisten und allgegenwärtige tödliche Bedrohung dort normaler Alltag. Muss man sich da noch gross wundern wenn allzuviele Menschen in einfache, neofaschistische Gedankenwelten flüchten ?

axko
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Kolumbien vor den Wahlen 2026 – Wer kann Petro beerben?

Beitrag von axko »

@Don Maximo - vielleicht habe ich mich nicht richtig ausgedrückt. Es wird von Petro und seiner italienischen Staatsbürgerschaft gesprochen. Keiner kritisiert das es vielleicht Petro mit seinem IT-Pass an Loyalität zu Kolumbien fehlen lässt. Bei Abelardo wird immer wieder seine Loyalität zu Kolumbien in Frage gestellt weil er die US-Staatsburgerschaft hat. Abelardo ist in den USA vermögend mit seinen Unternehmungen, ist richtig, aber Petro ist auch nicht arm. Petro besitzt ein stattliches Anwesen in der Toskana. Keiner redet darüber woher das Kapitel für solche Luxusgüter kommen.
Es scheint so als herrscht hier die Meinung alle konservative Politiker dieses Landes sind von Geburt an kriminell, korrupt und professionelle Massenmörder. Die armen guten sind die Linken, scheinen alle Heilige zu sein. Wobei diese genau den gleichen Dreck am Stecken haben wie alle anderen auch. Wer als Politiker erfolgreich sein will, der darf kein Heiliger sein. Abelardo ist es nicht und Cepeda auch nicht. Die Wähler Kolumbien haben nur die Entscheidung zwischen der Pest und Cholera.

coentros
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Kolumbien vor den Wahlen 2026 – Wer kann Petro beerben?

Beitrag von coentros »

Anderswo im Forum wurde die fehlende Loyalität Petros zu Kolumbien anhand des Beispiels von Flüchtlingen und Kindern aus Palästina durchaus kritisiert. Dort die Erwähnung dass er die Mittel auch einfach für hungernde Kinder in Kolumbien hätte einsetzen können. Den Widerspruch dass Politiker und Diktatoren, sehr oft je weiter links, je mehr, eine ausgeprägte Vorliebe für Luxuslabels, westliche Statussymbole und einen mondänen Lebensstil haben, setze ich als allgemein bekannt woraus. Unzählige Beispiele, ob Lenin, Castro, Chavez oder Honecker. Letzterer verfügte über eine Hundertschaft an Dienstpersonal und lebte hochexklusiv in einer grossen Villa mit allen Annehmlichkeiten in einer streng bewachten Siedlung mit Schwimmbad, Tennisplätzen, eigenen Jagdgebieten und westlichen Luxuskarossen. Mit all diesen Annehmlichkeiten nicht unähnlich wie Pablo Escobar, nur dass der gemeine DDR-Bürger 20 Jahre auf seinen Trabi warten musste. Für den Terroristen und Mörder Andreas Baader war nur ein Porsche gut genug, usw.

Gibt es da etwa noch mehr als das Anwesen in der Toskana ??

Was mich eher wundert, dass der Anstieg der Schutzgelderpressungen, auch von bescheiden lebenden Lehrern oder Kleinunternehmern, Ausgangssperren, Zunahme aller Arten der Kriminalität oder die Hinrichtung eines potentiellen Präsidentschaftskandidaten, Miguel Uribe Turbay, so relativ wenig Kritik an der gegenwärtigen Regierung erzeugen. So zumindest meine Wahrnehmung. Vielleicht liege ich da auch falsch. Für mich jedenfalls ein Skandal. Abgesehen davon, dass es einfach so unglaublich traurig für Kolumbien ist.

Carlo
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Kolumbien vor den Wahlen 2026 – Wer kann Petro beerben?

Beitrag von Carlo »

@coentros,

wie ihr wisst, lese ich hier unheimlich gerne mit und schätze die tiefen Analysen.

Du beziehst dich in deinen Argumenten sehr oft auf die kolumbianische Presse, wie zum Beispiel die Berichte aus Cúcuta. Was mir dabei jedoch ein wenig zu kurz kommt, ist die geopolitische Dimension. Fast die gesamte große kolumbianische Medienlandschaft mischt in diesem Endspurt des Wahlkampfs mittlerweile ganz offen auf der Seite des "Tigres" mit. Die Presse wird hier im Moment im Hintergrund ganz geschickt und strategisch gelenkt.

Schau dir doch nur mal den ganz frischen Bericht des News Robots von heute über die Verhaftung des Petro-Aktivisten Beto Coral in den USA an. Da sieht man doch ganz deutlich, wie die USA jetzt kurz vor dem Sonntag harte Bandagen gegen das Lager von Cepeda aufziehen und wie die Medien das framen. Während die US-Behörden den Fall formal als Migrationsangelegenheit behandeln, machen die konservativen US-Politiker wie Senator Bernie Moreno oder Außenminister Marco Rubio keinen Hehl daraus, dass sie linke Aktivisten im Ausland eiskalt als „ausländische Agenten“ ansehen.

Das ist massiver, strategischer Gegenwind für Cepeda direkt aus Washington – und die kolumbianische Presse nutzt diese Schlagzeilen der Härte meisterhaft, um die Stimmung für den "Tigre" anzuheizen. Wenn man das im Hinterkopf behält, muss man manche Schreckensmeldungen der letzten Tage vielleicht noch einmal mit einem etwas kritischeren Auge lesen.