Die Fahrt hierher ist bereits Teil des Abenteuers. Die kurvige Straße schlängelt sich durch nebelverhangene Bergwälder, vorbei an Kaffeeplantagen, bis sich plötzlich ein völlig anderes Bild offenbart: Sattrote Dächer, weißgetünchte Fachwerkfassaden mit kunstvollen Schnitzereien und blumengeschmückte Balkone. Es ist ein Anblick, der für einen Sekundenbruchteil vergessen lässt, in welchem Kontinent man sich eigentlich befindet.
Eine Zeitreise mit besonderer Geschichte
Die Geschichte dieses einzigartigen Ortes beginnt 1843. Eine Gruppe von 389 Einwanderern aus dem damals bitterarmen Baden (heute Teil Deutschlands) machte sich auf eine monatelange, strapaziöse Reise in eine völlig unbekannte Welt. Ihr Ziel: Ein neues Leben in den Bergen Venezuelas zu gründen. Anfangs völlig isoliert und sich selbst überlassen, entwickelten sie eine nahezu autarke Gemeinschaft. Sie bewahrten ihre Sprache, ihre Trachten und ihre Handwerkskunst über Generationen.
Erst mit dem Bau einer Straße in den 1960er Jahren öffnete sich die Kolonie langsam der Außenwelt. Was einst ein Geheimtipp war, ist heute ein beliebtes Wochenendziel für Einheimische und Touristen – ein lebendiges Freilichtmuseum, das bis heute einen ganz eigenen, faszinierenden Mikrokosmos bildet.
Mehr als nur Kulisse: Leben und Genuss in der Kolonie
Colonia Tovar ist kein Museum, sondern ein lebendiger Ort. Der unverwechselbare alemannische Dialekt mischt sich auf dem Markt mit Spanisch, und während die Älteren vielleicht noch in Tracht spazieren gehen, hören die Jugendlichen nebenbei Reggaeton.
Das wahre Highlight ist jedoch die Küche. Hier werden deutsche Tradition und venezolanische Zutaten auf geniale Weise fusioniert:
- In den urigen Bräuhäusern gibt es nicht nur frisch gebrautes Bier nach deutschem Reinheitsgebot, sondern oft auch „Polar“ (das lokale Pils) neben einer Schwarzwälder Kirschtorte, die ihresgleichen sucht.
- Die Metzgereien sind berühmt für ihre Würste und Schinken, die nach alten Familienrezepten geräuchert werden.
- Auf den Straßenständen bekommt man aber auch „Arepas Tovareñas“ – eine kreative Kreuzung aus dem venezolanischen Maisfladen und deutschem Belag.
Das besondere Fazit
Colonia Tovar ist mehr als eine touristische Attraktion. Es ist ein bewegendes Zeugnis von Anpassung und Bewahrung. Die Kolonie zeigt, wie eine Kultur in einer völlig fremden Umgebung nicht nur überleben, sondern eine einzigartige, neue Identität schaffen kann. Man isst hier nicht einfach nur eine Wurst, sondern kostet ein Stück lebendiger Geschichte.
Ein Besuch hier ist wie das Umblättern in einem besonderen Kapitel der venezolanischen Geschichte – einem Kapitel, das von Heimat, Widerstandsfähigkeit und der unerwarteten Schönheit kultureller Fusion erzählt. Es ist ein absolutes Muss für jeden, der die verblüffende Vielfalt Venezuelas jenseits der Strände und Städte erleben möchte.



