
Crescencio Salcedo Monroy (1913–1976) war weit mehr als nur ein Komponist; er war das Herz der kolumbianischen Landseele. Als autodidaktischer Musiker, Flötenbauer und Bauer verkörperte er eine tiefe spirituelle Verbindung zu seiner Heimat.
Die Philosophie der Erde
Salcedo war in ganz Kolumbien als der Mann bekannt, der barfuß ging. Er lehnte festes Schuhwerk zeitlebens ab, da er den direkten Kontakt zur „Mutter Erde“ suchte. Für ihn war dieser physische Kontakt die Quelle seiner Inspiration und Weisheit. Seinen Lebensunterhalt verdiente er oft damit, selbstgebaute Flöten in den Straßen zu verkaufen – ein bescheidener Künstler, der den Reichtum in der Natur und nicht im Geld suchte.
Das musikalische Erbe und der Kampf um Anerkennung
Salcedo ist der geistige Vater unsterblicher Hymnen der lateinamerikanischen Musik. Zu seinen bedeutendsten Werken zählen:
- El Año Viejo: Der Klassiker, der bis heute in ganz Lateinamerika den Jahreswechsel begleitet.
- La Múcura“ und Mi Cafetal: Lieder, die zum kollektiven Gedächtnis des Kontinents gehören.
Tony Camargo und der Welterfolg
Obwohl das Orchester von Pacho Galán die erste kolumbianische Version von „El Año Viejo“ einspielte, war es der Mexikaner Tony Camargo, der das Lied zum globalen Phänomen machte. Camargo entdeckte das Stück zufällig während einer Tournee in Caracas. Er nahm es auf und feierte damit über 60 Jahre lang Erfolge, ohne Salcedo jemals getroffen zu haben.
Ein tragisches Ende
Die Ironie des Schicksals wollte es, dass Tony Camargo erst Jahrzehnte später nach Kolumbien reiste, um den Schöpfer seines größten Hits zu ehren. In Barranquilla wurde Camargo für sein Lebenswerk gefeiert, doch seine Suche nach Salcedo endete in Trauer. Crescencio Salcedo war bereits 1976 in Medellín verstorben. Er starb so, wie er oft gelebt hatte: in extremer Armut, vergessen von der Industrie, die an seinen Melodien verdient hatte, ohne genug Geld für eine einfache Mahlzeit oder die Miete seiner bescheidenen Unterkunft.
Crescencio Salcedo wird heute in Kolumbien als Märtyrer der Volkskunst verehrt – ein Symbol für die Genialität des einfachen Volkes und die gleichzeitige Ausbeutung durch die frühe Musikindustrie.



