25 Jahre Warten – Bringt das Mercosur-Abkommen uns Kolumbien ein Stück näher

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KinniCrimson
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25 Jahre Warten – Bringt das Mercosur-Abkommen uns Kolumbien ein Stück näher

Beitrag von KinniCrimson »

Hallo in die Runde,

Weihnachten ist bei uns ein wenig die Zeit des Fernwehs. Aktuell mögen die deutschen Weihnachtsmärkte zwar noch den Winterblues hinwegleuchten, aber ich merke, dass mein Mann natürlich seine Heimat vermisst. Da schweift der Blick gerne mal in die Nachrichten in der Hoffnung, dass Kolumbien irgendwie ein bisschen näher rückt. Und so las ich heute bei der Tagesschau das Abkommen Mercosur betreffend: "Seit 25 Jahren wird darüber verhandelt - und nun kommt noch gut ein Monat obendrauf: Die Unterzeichnung des Mercosur-Abkommens wurde von diesen Samstag auf Januar verschoben".

Kolumbien ist nicht in dem Abkommen, aber sicherlich wird es auch indirekt davon profitieren können. Hoffe ich zumindest. Allerdings hoffe ich dabei nicht nur altruistisch: möglicherweise gibt es dann auch mehr Produkte, die man aus Kolumbien kennt, zu erschwinglicheren Preisen als aktuell auf dem deutschen Markt.

Ich erhoffe mir mit diesem Beitrag einen Austausch darüber, was ihr denkt: schaffen wir es dieses Mal zu dem Abkommen zu gelangen? Oder mal wieder nicht? Wäre es ne Chance? Risiko? Welche Genüsse könnten dann den Alltag in Deutschland oder vielleicht sogar in Kolumbien verschönern?

Ich räume auch ein, dass ich diese Frage möglicherweise nie hier adressiert hätte. Doch las ich in letzter Zeit auch, dass das Forum vom Austausch lebt und ich lese hier doch so gerne die lehrreichen Beiträge anderer oder tröste mein Fernweh ein wenig mit den Berichten aus dem Forum.

Daher würde ich mich über andere Perspektiven zu dem geplanten Abkommen freuen.
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Eisbaer
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25 Jahre Warten – Bringt das Mercosur-Abkommen uns Kolumbien ein Stück näher

Beitrag von Eisbaer »

@KinniCrimson: vielen Dank für diesen wunderbar persönlichen Beitrag! Ich glaube, dieses Gefühl vom „Licht der Weihnachtsmärkte gegen den Winterblues“ und der gleichzeitigen Sehnsucht nach der Ferne können hier viele sehr gut nachempfinden.

Es ist spannend, dass du das Mercosur-Abkommen ansprichst. Auch wenn Kolumbien (noch) kein Vollmitglied, sondern „nur“ assoziiertes Mitglied ist, hast du völlig recht: Ein solcher Durchbruch hätte Signalwirkung für den gesamten südamerikanischen Raum.

Hier ein paar Gedanken zu deinen Fragen:

1. Schaffen wir es dieses Mal? Nach 25 Jahren ist man natürlich skeptisch. Die Verschiebung auf Januar zeigt, dass der politische Wille zwar so groß ist wie lange nicht mehr (besonders von deutscher Seite), aber der Widerstand – vor allem aus Frankreich und von Teilen der Landwirtschaft – bleibt hartnäckig. Es ist ein diplomatischer Krimi. Ich wage mal die Prognose: Wenn es im ersten Quartal 2025 nicht klappt, wird es wieder für Jahre in der Schublade verschwinden.

2. Chance oder Risiko?
  • Chance: Für Kolumbien könnte es den Weg ebnen, die eigenen Handelsbeziehungen zur EU weiter zu vertiefen. Mehr Wettbewerb belebt das Geschäft, und stabilere Lieferketten sind immer ein Gewinn.
  • Risiko: Kritiker sorgen sich oft um Umweltstandards. Aber genau hier könnte das Abkommen auch eine Chance sein, Nachhaltigkeit (z.B. Schutz des Regenwaldes) vertraglich verbindlich zu verankern.
3. Welche Genüsse könnten kommen? Das ist der schönste Teil deiner Frage! Wenn die Zölle und bürokratischen Hürden sinken, könnten wir öfter in den Genuss kommen von:
  • Exotischen Früchten: Nicht nur die Standard-Banane, sondern öfter frische Uchuvas (Physalis), Gulupa (Lila Passionsfrucht) oder sogar Lulo, ohne dass man dafür ein kleines Vermögen im Feinkostladen ausgeben muss.
  • Hochwertigem Kakao und Kaffee: Kolumbien hat so viel mehr zu bieten als die Massenware. Spezielle "Single Origin" Röstungen könnten erschwinglicher werden.
  • Aguardiente & Co: Vielleicht findet man die Spirituosen der Heimat dann nicht nur im Spezialitätenhandel, sondern öfter mal im gut sortierten Regal.
Es wäre doch ein schöner Gedanke, wenn nächstes Jahr zu Weihnachten nicht nur die Kerzen leuchten, sondern auch ein paar mehr kulinarische Schätze aus Kolumbien auf dem Tisch stehen, die das Fernweh deines Mannes ein bisschen lindern.

Ich bin gespannt, wie die anderen das sehen!
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bastians
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Beitrag von bastians »

Aber Kolumbien ist doch gar nicht Mitglied im Mercosur, oder?
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Eisbaer
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Beitrag von Eisbaer »

@bastians: Völlig richtig, danke für den wichtigen Einwurf! Da muss man in der Tat präzise sein, sonst vergleicht man Äpfel mit (tropischen) Birnen.

Kolumbien ist kein Vollmitglied des Mercosur, sondern assoziierter Staat. Tatsächlich ist Kolumbien sogar schon einen Schritt weiter: Es gibt bereits seit 2013 ein eigenes Freihandelsabkommen zwischen der EU und Kolumbien (sowie Peru und Ecuador).

Warum ich das Mercosur-Abkommen trotzdem so spannend finde:
  1. Marktdynamik: Der Mercosur ist ein Schwergewicht. Wenn dieser Block sich mit der EU einigt, entsteht der größte Wirtschaftsraum der Welt. Das rückt Lateinamerika als Ganzes wieder massiv in den Fokus der europäischen Logistik und des Handels.
  2. Synergieeffekte: Oft profitieren Nachbarstaaten indirekt durch bessere Infrastruktur, neue Schifffahrtsrouten und geringere Transportkosten über den Atlantik, wenn das Handelsvolumen der gesamten Region steigt.
  3. Psychologie: Ein Erfolg nach 25 Jahren Verhandlungen wäre ein Signal gegen den Protektionismus – und das hilft am Ende jedem Land in der Region, das exportieren möchte.
Es bleibt also dabei: Auch wenn Kolumbien rechtlich auf einem anderen Blatt steht, könnte der Mercosur-Deal der nötige "Rückenwind" sein, um mehr Vielfalt zu uns in die Regale zu bringen.

Hältst du die Auswirkungen auf die Nachbarstaaten für eher gering, oder siehst du auch diese indirekten Chancen?
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coentros
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25 Jahre Warten – Bringt das Mercosur-Abkommen uns Kolumbien ein Stück näher

Beitrag von coentros »

Positive Synergieffekte würde ich keinesfalls unterschätzen. So wie z.B. Vietnam von den Exportüberschüssen Chinas im ASEAN mächtig profitiert, wäre ein erfolgreicher Mercosur-Abschluss für alle Beteiligten incl Nachbarstaaten wünschenswert. Alles hängt mit allem zusammen.

Ein Beispiel im Detail: Juan Caldez Kaffee in Deutschland zu kaufen ist ein Luxus gemessen am effektiven Endpreis pro gramm. Es gibt nur einen Importeur nach DE, und der unzuverlässig. Eine Zeit lang hatte ich schon mit dem Gedanken am Aufbau einens eigenen supply chain gespielt. Wie immer leichter gesagt als getan.
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KinniCrimson
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Beitrag von KinniCrimson »

Das ist genau das, was ich mir sehr erhoffe: viele positive Nebeneffekte. Ich gestehe, dass ich bei vielen Deutschen aus dem Augenwinkel immer auch eine gewisse - sicherlich nicht böse gemeinte - Ignoranz entdecke wenn es um Kolumbien oder allgemein gesprochen Südamerika geht.
Sei es, dass man dort denkt die Digitalisierung sei nicht so fortgeschritten (was mich persönlich besonders schmerzt-denn Digitalisierung und Deutschland taugt zwar als Alliteration, aber in der Praxis .. wäre man ohne Briefkasten staatenlos) oder aber auch, dass man die Produktvielfalt schlicht unterschätzt.
Der Geruch von Pandebono auf deutscher Straße hingegen scheint mir zwar verrückt, aber man darf ja wohl so kurz vor Weihnachten ein wenig träumen ;)

coentros
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Beitrag von coentros »

Der Durchschnittsdeutsche der noch nie in Lateinamerika, geschweige denn Kolumbien war, hat Mühe überhaupt irgendeine Assoziation mit dem Land herzustellen. In der Regel kennt man nur den vermeintlichen Exportschlager Kokain, dass es einen Pablo Escobar gab und eventuell noch Shakira. Das soll wirklich KEIN Vorwurf sein. Es ist halt einfach so, c'est la vie. Ich erinnere mich noch an meine ersten Reisen in den 90ern in die USA. Ich wurde gefragt ob wir auch Fernseher haben, welche Sprache hier eigentlich gesprochen wird, und eine wunderschöne deutsche Stadt mit vielen Kanälen, nah am Wasser, wurde beschrieben bei der sich am Ende herausstellte dass nicht Hamburg sondern Amsterdam gemeint war. Es ist halt einfach so.

Mehr kolumbianische Waren in Deutschland würden helfen Vorurteile abzubauen und Leistungen anzuerkennen. Ich habe aktuell schicke Kleidung von bekannten kolumbianischen Produzenten gekauft (Arturo Calle, Velez, Patprimo) und würde mich freuen diese im Erfolgsfall (Langlebigkeit) zukünftig herauszustellen und anzupreisen was es in Kolumbien für tolle Marken gibt. Würdig und analog zu den noch "ehrlichen" italienischen Produkten, und in jedem Fall besser als die vielen fashion labels die unter bedenklichen Bedingungen in Bangladesch und anderswo billigst produzieren, Überkapazitäten anhäufen und zu dumping Preisen in die Weltmärkte geworfen werden. In der Atacama-Wüste Chiles z.B. türmen sich diese Überkapazitäten, teilweise nicht einmal getragen, und bilden aufgrund der synthetischen Materialien ein echtes Umweltproblem.

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