Zwischen Schutzgelderpressung und Überwachung: Persönliche Sicherheit im Barrio

Tipps und Fragen von Auswanderungswilligen und Leuten, die den Schritt schon gewagt haben.
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Benjamin

Zwischen Schutzgelderpressung und Überwachung: Persönliche Sicherheit im Barrio

Beitrag von Benjamin »

Bisher gab es im Forum kaum Beiträge zum Thema persönliche Sicherheit. Ich fühle mich in meinem Viertel sicher. Ich habe aber gehört, dass eine größere Tienda in meiner Nachbarschaft unter Schutzgelderpressung leidet. In meiner Nachbarschaft gibt es auch eine Filiale von Supergiros, die sogar auf nationaler Ebene von Schutzgelderpressung betroffen ist.

Heute habe ich bemerkt, dass an einem der üblichen Strommasten mehrere private Kameras angebracht wurden, die auch einen Teil meines Eingangsbereichs erfassen. Wahrscheinlich wird jetzt jemand kommentieren, dass ich mich darüber freuen sollte und es dadurch sicherer wird. Ehrlich gesagt, fühle ich mich nicht wohl dabei.

Ich habe zwei Fotos angehängt, die die Situation verdeutlichen. Vielleicht ergibt sich daraus ein interessantes Thema für das Forum.

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Tenere-wue
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Zwischen Schutzgelderpressung und Überwachung: Persönliche Sicherheit im Barrio

Beitrag von Tenere-wue »

Servus Benjamin,
ist es ein conjunto cerrado oder ein normales sicheres barrio? Ich gebe dir Recht, es ist ungewöhnlich wenn Privatpersonen eine Kamera zum beobachten anbringen. Bei einem Geschäft oder wenn die Kamera direkt auf einen Eingang ausgerichtet ist wäre das ok. Hättest du die Möglichkeit einen Nachbarn zu fragen? Vielleicht hat er ja mehr Grüße
-vive tu sueno !
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Chévere
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Zwischen Schutzgelderpressung und Überwachung: Persönliche Sicherheit im Barrio

Beitrag von Chévere »

Aus verschiedenen Stellen habe ich erfahren, dass momentan diese Schutzgelderpressungen rasant im ganzen Land zunehmen und keiner davor sicher ist. Und das verrückte ist, keiner möchte darüber sprechen, weil die Angst zu gross ist. Das ist eine ganz schlimme Sache.
Chévere
Wer kämpft der kann verlieren, wer nicht kämpft hat schon verloren.

Themenstarter
Benjamin

Zwischen Schutzgelderpressung und Überwachung: Persönliche Sicherheit im Barrio

Beitrag von Benjamin »

@Tenere-wue

Ich wohne in einem Einfamilienhaus in einem ganz normalen Viertel. Die erwähnten Kameras gehören vermutlich alle zur Tienda und nicht, wie ich zuerst dachte, sowohl zur Tienda als auch zu Supergiros. Supergiros hat zwar auch Kameras, aber die stören niemanden und seit kurzem haben sie sogar einen Wachmann in Uniform von einem Wachdienst.

coentros
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Gibt es Erfahrungswerte hier im Forum zum Thema Schutzgelderpressung?

Beitrag von coentros »

Gibt es eventuell Erfahrungswerte von Kleinunternehmern hier im Forum zum Thema Schutzgelderpressung. Habe natürlich die Suchfunktion benutzt und die älteren Berichte gelesen. Meine Frage hier nach aktuellen Erfahrungen aus erster Hand von Forumsmitgliedern, die selber als Kleinunternehmer tätig sind ?
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Eisbaer
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Gibt es Erfahrungswerte hier im Forum zum Thema Schutzgelderpressung?

Beitrag von Eisbaer »

Hallo @coentros,

bitte entschuldige meine verspätete Antwort auf deine wichtige Frage vom Februar – sie ist mir in Erinnerung geblieben.

Ich habe mich intensiv mit den Gründen für die hohe Hemmschwelle bei Anzeigen in Kolumbien beschäftigt, und leider hat sich an der Kernproblematik wenig geändert. Erpressung wird juristisch nach wie vor oft als reines Eigentumsdelikt eingestuft. In der Praxis führt das dazu, dass Richter bei einer Anzeige häufig eine persönliche Zeugenaussage verlangen, bei der die Betroffenen ihr Gesicht zeigen müssen.

Für viele Menschen, die dort leben und arbeiten, wo sie auch bedroht werden, ist das ein kaum einzugehendes Risiko. Die unmittelbare Angst vor Vergeltung ist für sie oft realer und bedrohlicher als die Hoffnung auf staatlichen Schutz – ein tragischer Teufelskreis.

Ich danke dir für dein Interesse und dein Verständnis für dieses sensible Thema.

Von Herzen wünsche ich dir und deinen Lieben einen friedvollen und gesegneten Heiligabend.
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coentros
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Gibt es Erfahrungswerte hier im Forum zum Thema Schutzgelderpressung?

Beitrag von coentros »

@Eisbaer

Vielen Dank für das Aufgreifen meiner Frage welche ich nach den Festtagen nochmal erweitern möchte im Sinne wer generell schon einmal betroffen war oder ist, inkl Pensionären, abhängig von Status oder anderen Faktoren. Hier fand ich den Hinweis eines Forumsmitglieds aufschlussreich. Ebenso weiss ich dass in der Verwandtschaft einzelne Personen betroffen sind.

An dieser Stelle auch von mir die besten Wünsche für ein frohes und besinnliches Weihnachten und erholsame Festtage !

coentros
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Gibt es Erfahrungswerte hier im Forum zum Thema Schutzgelderpressung?

Beitrag von coentros »

Hallo zusammen

Das Thema berührt die Frage die ich auch habe: Wie gross ist das Risiko Opfer von Schutzgeldzahlung und Erpressung zu werden, selbst wenn man nur ein einfaches Leben als Pensionär in Kolumbien führen will, ohne grossen Luxus und Überfluss. Inzwischen habe ich von drei Verwandten erfahren die vacuna bezahlen. Keiner möchte gerne mit mir darüber reden.

Daher würde ich hier die Frage umdrehen wollen und an alle im Forum stellen, in der Hoffnung dass sich so indirekt einige Antworten finden.

Wer von denjenigen die wenigstens schon zwei oder drei Jahre in Kolumbien leben hat noch nie vacuna bezahlt und wurde auch noch nie in diesem Sinn bedroht ?

Ich würde mich über viele Antworten freuen da es eine wertvolle Orientierungshilfe und zur realistischen Einschätzung der Gefährdung für potentielle Auswanderer dienen würde.
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Eisbaer
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Gibt es Erfahrungswerte hier im Forum zum Thema Schutzgelderpressung?

Beitrag von Eisbaer »

Hallo @coentros,

deine Frage nach einer realistischen Einschätzung ist absolut berechtigt. Um es direkt vorab zu sagen: Ich lebe seit über 30 Jahren hier und ich habe noch nie Schutzgeld bezahlt und wurde auch nie persönlich erpresst.

Wie ich hier im Forum schon einmal erwähnt habe, gehört zur Wahrheit meiner Geschichte aber auch, dass ich die harten Zeiten Kolumbiens miterlebt habe. 1994 wurde meine Sprachschule in Medellín durch ein gezieltes Bombenattentat der FARC ⇨ zerstört, weil man uns fälschlicherweise für ein US-amerikanisches Unternehmen hielt. Das war jedoch ein politisch motivierter Akt im damaligen Konflikt und keine individuelle Erpressung gegen mich als Privatperson.

Heute ist die Lage anders, aber nicht unbedingt einfacher. Dass deine Verwandten „vacuna“ zahlen, deckt sich mit dem, was ich selbst beobachte: Selbst hier in meiner Kleinstadt ist das Thema Schutzgeld wieder sehr präsent, was ein deutliches Indiz für die verschlechterte Sicherheitslage unter der aktuellen Regierung ist.

Dennoch gibt es einen wichtigen Unterschied: Die Erpresser suchen meist nach sichtbarem Cashflow und wirtschaftlicher Aktivität. Als Pensionär, der ein einfaches Leben führt und nicht als wohlhabender Investor auftritt, fliegt man meist unter dem Radar. Wer diskret lebt und keinen großen Luxus zur Schau stellt, ist für diese Banden in der Regel uninteressant.

Kolumbien erfordert Resilienz. Es kann rau sein, aber wenn man die Dynamiken des Landes versteht, vorsichtig bleibt und nicht unnötig Aufmerksamkeit erregt, kann man hier sehr wohl sicher und erfüllt alt werden.
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coentros
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Gibt es Erfahrungswerte hier im Forum zum Thema Schutzgelderpressung?

Beitrag von coentros »

@Eisbaer

Vielen Dank für Deine Erfahrungswerte. So wie Du es beschreibst hätte ich es auch vermutet. Diejenigen in der Verwandtschaft die vacuna bezahlen haben den aufwendigen Lebensstil gemeinsam: estrato 6, ein gutgehendes Geschäft oder grösseren Landbesitz mit Rindern, Schweinen, etc, grosse SUVs bekannter Marken, etc. Von denen die in in einer anderen Schicht leben habe ich bislang nichts in Richtung Erpressung gehört.

Was mich nun eben überrascht sind Berichte dass es auch normale Lehrer betreffen kann, oder die kleine tienda an der Ecke oder Pensionäre, wie ein Forumsmitglied neulich berichtet hat. Parallel ein anderer Threat mit Morddrohungen.

Insofern hoffe ich auf noch mehr Rückmeldungen hier im Forum.
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gordito54
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Gibt es Erfahrungswerte hier im Forum zum Thema Schutzgelderpressung?

Beitrag von gordito54 »

Ich lebe seit Ende August 2023 mit meiner Frau hier in Cartago. Wir sind bisher nicht behelligt worden.
Unser Leben ist völlig unauffällig, wir haben noch nicht einmal ein Auto. Ein Motorroller reicht, um nicht aufzufallen.
Das Viertel, in dem wir leben, ist estrato drei. Unser künftiges zu Hause auch.
Unser Kontakt zur Nachbarschaft ist gut, es gibt keinen Stress, aber wir bleiben etwas auf Distanz. Man weiß, ich bin Rentner aus Deutschland, mehr nicht. Das wird auch so bleiben.
Auch von den anderen Deutschen in Pereira und Armenia habe ich diesbezüglich nie etwas gehört.
Keiner hat ein Geschäft und ein dickes Auto.
Hoffen wir, daß es so bleibt.
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Bogotano
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Gibt es Erfahrungswerte hier im Forum zum Thema Schutzgelderpressung?

Beitrag von Bogotano »

@coentros

Ich melde mich hier mal kurz von meiner Finca zu Wort, um eine weitere Perspektive einzubringen. Ich verweile hier gerade im Grünen, lebe aber ansonsten mitten im Barrio Chicó in Bogotá, also im klassischen Estrato 6.

Grundsätzlich kann ich die Sorgen bezüglich der Sicherheit verstehen, möchte aber auch ein wenig Entwarnung geben. Ich bewege mich in Bogotá völlig unbehelligt mit meinem neuen SUV durch die Straßen. Von Schutzgeld oder Erpressung habe ich in meinem Umfeld im Chicó noch nie etwas gehört oder gar selbst erlebt.

Meiner Meinung nach ist die Wahl des Wohnortes entscheidend. In den gehobenen Vierteln der Großstädte ist die Sicherheitsinfrastruktur (private Sicherheitsdienste, Kameraüberwachung, hohe Polizeipräsenz) so dicht, dass die klassische „Vacuna” dort praktisch nicht stattfindet. Zwar zahlt man hier einen höheren Preis für Wohnraum und Verwaltung, dafür erwirbt man aber auch ein hohes Maß an Sorgenfreiheit und Anonymität gegenüber solcher Kleinkriminalität.

Natürlich ist Unauffälligkeit ein Schutz, wie @gordito54 schreibt. Aber man muss sich in Kolumbien nicht verstecken oder auf jeden Komfort verzichten, wenn man das richtige Viertel wählt. Letztendlich ist es eine Frage des persönlichen Lebensstils und wo man sich am wohlsten fühlt.

coentros
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Zwischen Schutzgelderpressung und Überwachung: Persönliche Sicherheit im Barrio

Beitrag von coentros »

@gordito54, Bogotano

Ganz herzlichen Dank für Eure Rückmeldungen ! Das hilft mir sehr zur weiteren Orientierung.

Bei uns sieht es so aus. Meine Frau hat ein Haus im barrio Tequendama, estrato 5. Mir gefällt das Viertel sehr gut weil man prinzipiell kein Auto oder Motorroller bräuchte um ein breites Spektrum an Einkäufen von kleinen tiendas bis zu grossen centro commerciales zu erledigen. Alles ist in einem Radius von 10 Gehminuten erreichbar. Dennoch ist es ein sehr ruhiges Viertel mit alten Bäumen und angenehmen, in der Mehrzahl älteren Nachbarn. Die bekannten luxuriösesten Viertel Calis sind entweder weiter südlich (Ciudad Jardin, Pance) oder im Nordosten (Santa Teresita). Ich würde in unserem barrio nicht vermuten dass man auf einmal Schutzgeld zahlen muss oder bedroht wird, da man hier eigentlich recht unauffällig lebt. Ansonsten ist bei uns noch nicht entschieden wo wir in wenigen Jahren unseren Ruhestand antreten wollen/werden.

Über weitere Rückmeldungen von Forumsmitgliedern würde ich mich sehr freuen.

kobum
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Zwischen Schutzgelderpressung und Überwachung: Persönliche Sicherheit im Barrio

Beitrag von kobum »

Gerne möchte ich noch einen Punkt einbringen, der bisher kaum zur Sprache kam, für die Sicherheit aber entscheidend ist, die Sprache.

Mein Spanisch ist noch nicht perfekt, aber ich merke langsam, dass es das A und O ist. Zwar sehe ich nicht unbedingt aus wie ein typischer Gringo, aber sobald ich den Mund aufmache, merkt es jeder und daran arbeite ich hart. Mein Rat für alle, die auswandern wollen, lernt als Erstes die Sprache! Wenn du dich verständigen kannst und ganz normal lebst wie jeder andere Kolumbianer auch, musst du dir viel weniger Gedanken um deine Sicherheit machen.

In einem anderen Thread habe ich gelesen, dass jemand immer seine Frau sprechen lässt. Das halte ich für grundlegend falsch. Dadurch macht man sich völlig abhängig und signalisiert eine Schwäche, die im Ernstfall gefährlich sein kann. Wer selbst kommunizieren kann, wird respektiert und kann Situationen deeskalieren, bevor sie entstehen.

Wenn man die Sprache beherrscht und sich unauffällig bewegt, verschwindet man in der Masse. Das ist die beste Sicherheitsstrategie.

coentros
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Zwischen Schutzgelderpressung und Überwachung: Persönliche Sicherheit im Barrio

Beitrag von coentros »

@kobum

Vielen Dank für Deinen input. Nun die Sprache kann ich zwar inzwischen, anders als vor 12 Jahren. Keinesfalls perfekt, aber so zu sprechen wie die einheimischen so dass es ununterscheidbar ist halte ich für schwierig und eigentlich auch nicht erforderlich. Man wird früher oder später auch an anderen Zeichen erkennen dass ich kein native Kolumbianer bin.

Abgesehen davon dass die Verwandten die vacuna bezahlen absolute bio-caleños sind, seit Generationen. Das schützt sie nicht vor Schutzgeldzahlungen. Umgekehrt die vielen die in estratos 1,2 oder 3 leben das Thema nicht haben. Insofern glaube ich eher an den Lebensstil, offensichtlichen d.h. sichtbaren hohen Wohlstand der die Wahrscheinlichkeit erhöht erpresst zu werden. Da hilft dann das perfekte Cali-Spanisch auch nicht mehr.

Für mich die andere Frage bei den wirklich gewaltigen reich-arm Gegensätzen, nicht nur WIE sondern auch WO man ggf wohnt um vacunas zu vermeiden. Ich glaube auch dass man mit den falschen Nachbarn schlicht Pech haben kann. Auch da sind die perfekten Sprachkenntnisse dann nicht mehr entscheidend.