Hallo @coentros,
deine Frage nach einer realistischen Einschätzung ist absolut berechtigt. Um es direkt vorab zu sagen: Ich lebe seit über 30 Jahren hier und ich habe noch nie Schutzgeld bezahlt und wurde auch nie persönlich erpresst.
Wie ich hier im Forum schon einmal erwähnt habe, gehört zur Wahrheit meiner Geschichte aber auch, dass ich die harten Zeiten Kolumbiens miterlebt habe. 1994 wurde meine Sprachschule in Medellín durch ein gezieltes Bombenattentat der FARC ⇨
zerstört, weil man uns fälschlicherweise für ein US-amerikanisches Unternehmen hielt. Das war jedoch ein politisch motivierter Akt im damaligen Konflikt und keine individuelle Erpressung gegen mich als Privatperson.
Heute ist die Lage anders, aber nicht unbedingt einfacher. Dass deine Verwandten „vacuna“ zahlen, deckt sich mit dem, was ich selbst beobachte: Selbst hier in meiner Kleinstadt ist das Thema Schutzgeld wieder sehr präsent, was ein deutliches Indiz für die verschlechterte Sicherheitslage unter der aktuellen Regierung ist.
Dennoch gibt es einen wichtigen Unterschied: Die Erpresser suchen meist nach sichtbarem Cashflow und wirtschaftlicher Aktivität. Als Pensionär, der ein einfaches Leben führt und nicht als wohlhabender Investor auftritt, fliegt man meist unter dem Radar. Wer diskret lebt und keinen großen Luxus zur Schau stellt, ist für diese Banden in der Regel uninteressant.
Kolumbien erfordert Resilienz. Es kann rau sein, aber wenn man die Dynamiken des Landes versteht, vorsichtig bleibt und nicht unnötig Aufmerksamkeit erregt, kann man hier sehr wohl sicher und erfüllt alt werden.