Diskussion zur Erhöhung des Mindestlohnes 2026 um 23 %

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Eisbaer
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Diskussion zur Erhöhung des Mindestlohnes 2026 um 23 %

Beitrag von Eisbaer »

⇒ Letzter Beitrag der vorhergehenden Seite:

Gerade ist ein aktueller Bericht von Bloomberg Línea erschienen, in dem JPMorgan den kürzlich dekretieren Anstieg des Mindestlohns in Kolumbien für 2026 scharf kritisiert. Der US-Finanzriese bezeichnet die Erhöhung um rund 23 % – die den Mindestlohn inklusive Transportzuschuss auf 2 Millionen Pesos bringt – als „Erdbeben“ und als „populistische Maßnahme“ von beispielloser Magnitude.

Laut JPMorgan wird diese Entscheidung weitreichende negative Auswirkungen auf die kolumbianische Wirtschaft haben: höhere Inflation (sie revidieren ihre Prognose für 2026 nun auf über 6 %), eine aggressivere Zinspolitik der Zentralbank mit möglichen Leitzinserhöhungen bis Mitte 2026, Druck auf das Wirtschaftswachstum, steigende Arbeitslosigkeit, ein größeres Fiskaldefizit (plus 0,5 Prozentpunkte des BIP) und Belastungen für die Außenbilanz. Da der Mindestlohn in Kolumbien eine zentrale Rolle spielt und viele Preise, Tarife und Indexierungen daran gekoppelt sind, sehen die Analysten hier erhebliche Risiken für die makroökonomische Stabilität.

Das zeigt einmal mehr, wie kontrovers diese historische Erhöhung diskutiert wird – während sie für viele Arbeitnehmer eine willkommene Entlastung darstellt, warnen internationale Beobachter vor langfristigen Kosten für die gesamte Volkswirtschaft.
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Don Maximo
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Diskussion zur Erhöhung des Mindestlohnes 2026 um 23 %

Beitrag von Don Maximo »

Heute musste ich in das Dorf und in das Nachbardorf fahren. Der Taxifahrer hat mir von drei touristischen Einrichtungen und Hotels in der benachbarten Gemeinde erzählt, die zum Jahresende mehr als die Hälfte ihrer Mitarbeiter kurzfristig entlassen und abgefunden haben, nachdem die Erhöhung des Mindestlohns bekannt gegeben worden war.
Auch im Dorf wurden, wie wir erfahren haben, mehrere Arbeitsplätze im Verkaufs- und Restaurationsbereich abgeschafft.
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Beitrag von Don Maximo »

Es ist der 7. Januar, und die Auswirkungen der massiven Erhöhung des Mindestlohns sind um uns herum nicht zu übersehen.
Der Bäcker sieht sich gezwungen, die Preise massiv zu erhöhen, seine Aushilfe und Verkäuferin wird er sich vermutlich nur schwer weiterhin leisten können (zu regulären Bedingungen), jedenfalls nicht Vollzeit. Er erzählte mir, dass ihm eine erhebliche Erhöhung der Rohstoffpreise angekündigt wurde. Bis zum Ende dieser Woche herrscht im Pueblo noch touristischer Betrieb. Dann werden mehrere Restaurants Mitarbeiter entlassen oder sie mit neuen Teilzeitverträgen (auf Abruf) einstellen. Eine Praxis, die hier in der Branche nicht ungewöhnlich ist.
In der Vereda wurden die Strassenbauarbeiten (dringende Ausbesserungen) auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Das kleine Bauunternehmen behauptet, die neuen Löhne nicht bezahlen zu können.
Ich habe heute online Mehl für meine Brote und meine Backwaren bestellt, die Preise sind im Vergleich zu meiner Bestellung im Dezember um genau 20 % gestiegen; kleiner Trost, die relativ hohen Versandspesen sind (noch) nicht gestiegen.
Im Bausektor haben, wie ich von meinen beiden Schwägern erfahren habe, die selbstständig in dieser Branche tätig sind, einige Bauherren auf lokaler Ebene bereits aus Kostengründen den Bau von Häusern auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Arbeiter stehen von einem Tag auf den anderen auf der Strasse. Leider sehe ich nichts Gutes auf uns zukommen, zumindest nicht in ländlichen Regionen wie die unsere.
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Max
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Beitrag von Max »

Vor allem auf dem Bausektor wird es kritisch da jetzt keiner was investiert solange nicht abzusehen ist wer der neue President wird. Wird also alles noch dauern, wenig Investionen in den nächsten Monaten von privater Seite

Nico
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Beitrag von Nico »

Wer sich bewusst ein Land wie Kolumbien als Domizil aussucht, um von der hohen Kaufkraft seiner Auslandsrente zu profitieren, sollte auf solche wirtschaftspolitischen Sprünge vorbereitet sein. Es wirkt fast schon deplatziert, sich über Preissteigerungen bei "Mehl für Backwaren" oder höhere Kosten für Dienstleister zu beschweren, während die Mehrheit der Menschen hier froh ist, wenn die Lohnerhöhung die Teuerung der letzten Jahre bei den Grundnahrungsmitteln überhaupt erst einmal ausgleicht.

Max
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Beitrag von Max »

Da hast Du recht wenn Du eine Privatperson bist, wenn Du ein Business mit Angestellten hast schaut es anders aus

Nico
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Beitrag von Nico »

Ein Business in einem Schwellenland zu führen, bedeutet eben auch, soziale Verantwortung für die Angestellten zu tragen, statt nur auf die eigene Marge zu schauen. Wer Planungssicherheit nach europäischen Standards will, ist als Unternehmer hier vielleicht am falschen Ort.

Max
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Beitrag von Max »

Man sucht doch nicht Planungssicherheit hier , wie kommst Du denn darauf, aber wer trägt denn die soziale Verantwortung wenn die meisten die Sozialabgaben nicht zahlen. Ich weiß ja nicht was Du hier machst, ich bin seit ca. 30 Jahren hier und ich kenn mich schon aus ein wenig.

Nico
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Beitrag von Nico »

Gerade wer 30 Jahre hier ist, sollte wissen, dass die mangelnden Sozialabgaben oft eine direkte Folge von Löhnen sind, die zum Leben kaum reichen. Wer in Kolumbien ohne Sicherheitsnetz von außen lebt, sieht die Realität des Landes jeden Tag ungefiltert, da braucht man keine 30 Jahre "Investoren-Brille", um zu verstehen, dass Stabilität nur über echte Kaufkraft kommt. Wenn die Leute sich das Brot nicht mehr leisten können, nutzt auch das beste Business nichts mehr.

Glboetrotter
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Beitrag von Glboetrotter »

Vom geträumten und erfreuten 2 Millionen Minimumlohn auf 0 Pesos mit Arbeitslosigkeit und noch mehr Armut, dank wem ?

Das war zu erwarten, dass viele KMU nicht mitmachen werden. Hoffentlich denken die Verlierer bei den nächsten Wahlen im Mai ein bisschen mit.

Mir kommt keine Schadenfreude auf, sondern der Ekel von so unvernünftigen Entscheidungen. Nur weil man unbedingt die gerade Zahl von 2 Millionen Pesos haben will; oder 3'360'000 Pesos mit allen Sozialkosten für den Arbeitgeber!

Nico
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Beitrag von Nico »

@Glboetrotter,

Es ist erstaunlich, mit welcher Distanz hier über "unvernünftige Entscheidungen" geurteilt wird. Wer mit einer Schweizer Pension oder festen Rücklagen in Kolumbien lebt, sieht die Welt natürlich durch eine andere Brille als jemand, der versucht, mit dem Mindestlohn eine Familie zu ernähren.

Von "Ekel" zu sprechen, weil Menschen eine Erhöhung auf 2 Millionen Pesos anstreben, empfinde ich als zynisch. Wir reden hier nicht von Luxus, sondern von der nackten Kaufkraft, die am Ende auch die lokalen Unternehmen am Leben hält.

Natürlich sind die Lohnnebenkosten für kleine Betriebe eine enorme Last – das bestreitet niemand. Aber die Lösung kann nicht sein, die Armut der Massen zu konservieren, damit das System stabil bleibt. Echte Stabilität entsteht nicht durch Angst vor dem Ruin, sondern durch soziale Gerechtigkeit. Wer 70 Länder bereist hat, sollte eigentlich wissen, dass soziale Ungleichheit der größte Brandbeschleuniger für jede Wirtschaft ist.

desertfox
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Beitrag von desertfox »

@Nico,

absolute Zustimmung....
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Tenere-wue
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Beitrag von Tenere-wue »

Im familiäre familiären Umfeld habe ich gehört, daß wohl von mehreren Anwälten eine Klage gegen das Dekret angestrebt wird. Leider kann ich dies nicht belegen. Vielleicht habt ihr davon schon was gehört und habt entsprechende Fakten oder Links zu dem Gerücht. Grüße
-vive tu sueno !

coentros
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Beitrag von coentros »

Die Frage sollte meines Erachtens sein was die goldene Mitte zwischen einem zu hohen und einem zu tiefen Mindestlohn ist. Zu hoch: kritisch für kleine Unternehmen, Inflationsanstieg, Risiko von Jobverlusten, Anstieg der informellen Arbeit. Zu niedrig: kritisch bzgl schwächerer Binnennachfrage, höherer soziale Ungleichheit, Anstieg der working poor und (Klein-) Kriminalität.

Der neue Mindestlohn für Kolumbien wird strukturell sehr hoch liegen. Volkswirtschaftlich wird ein Mindestlohn von ca. 50% des Median-Lohns als ideal angesehen. Beispiel Deutschland: Mindestlohn 13.90 EUR/h, Medianlohn ca 4'300 Brutto/Monat, Mindestlohn bei ca. 52% des Medians. Beispiel Kolumbien: Mindestlohn neu 2 Mio COP, Medianlohn ca. 3 Mio COP, Mindestlohn bei ca. 67% des Medians.

Es geht mir hier ausschliesslich darum was empirisch (statistisch) funktioniert und im Sinne der betroffenen Menschen ist. Einfach gesagt, wenn der Mindestlohn zu stark erhöht wird und in Folge direkt auch die Inflation überproportional ansteigt wird der erhoffte Effekt relativ schnell durch die Preisanstiege wieder absorbiert. So ist es leider.

Am meisten hilft den Menschen am unteren Ende des Einkommensspektrums ein signifikanter Produktivitätsanstieg einer Volkswirtschaft in der Gesamtheit. Die Frage wie und unter welcher Politik das eher zu erwarten ist findet sich in vielen Facetten hier im Forum.

Nachtrag: Man vergleiche auch einmal den Anteil der informellen Arbeit in Deutschland und Kolumbien. In DE geschätzt 10-15%, in Kolumbien sicherlich deutlich höher (30 % ?)

Nico
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Beitrag von Nico »

Es ist bezeichnend, wir diskutieren hier über Median-Löhne und 50%-Regeln, während die Menschen, um die es geht, im "Paga-Diario"-System ums nackte Überleben kämpfen. Wer seine Miete täglich zahlt und im Tante-Emma-Laden Kleinstmengen kauft, für den ist diese Erhöhung keine statistische Spielerei, sondern eine Frage der Existenz.

Es wirkt befremdlich, wenn ausgerechnet diejenigen über Inflation klagen, die durch ihre starken Währungen und Renten am wenigsten davon betroffen sind. Die Sehnsucht nach dem "billigen Kolumbien" von früher scheint bei manchen schwerer zu wiegen als das Recht der Kolumbianer auf ein würdevolles Leben. Man kann soziale Stabilität nicht auf der dauerhaften Armut derer aufbauen, die uns den Kaffee servieren oder unsere Wohnungen putzen.
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Don Maximo
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Beitrag von Don Maximo »

@Nico, ich stimme dir voll und ganz zu bezüglich
Wer sich bewusst ein Land wie Kolumbien als Domizil aussucht, um von der hohen Kaufkraft seiner Auslandsrente zu profitieren, sollte auf solche wirtschaftspolitischen Sprünge vorbereitet sein
Es ist jedoch offensichtlich, dass du sowohl meinen Beitrag missverstanden hast als auch ein falsches Bild von den Gründen hast, warum ich mich endlich in Kolumbien niedergelassen habe. Letzteres war keine Entscheidung zur Optimierung meines "Haushaltsbudgets" oder meiner Kaufkraft - von der ich mich nicht beklagen kann - wie es bei einem Großteil derjenigen der Fall ist, die diesen Schritt gehen. Was hat dich eigentlich nach Kolumbien geführt, lebst du von einer Auslandrente oder eines inländischen Einkommen? Das wäre interessant zu wissen, um gewisse deiner Ansichten nachzuvollziehen. Natürlich habe ich volles Verständnis, falls du dich diesbezüglich nichtäussern magst.

Ich selbst bin schliesslich nach Kolumbien gezogen, um meine Frau zu begleiten und ihr einen Wunsch zu erfüllen, nämlich in der Nähe ihrer Familie zu sein, da sie aufgrund ihrer chronischen Krankheit unter fortschreitendem kognitiven Verfall leidet. Wie man sich vorstellen kann, ist das alles andere als eine angenehme Situation.
Ein weiterer Grund ist, dass ich hier von der Abwesenheit von Betulaceae profitiere, d. h. von Allergenen, die mich in der Schweiz und in Italien stark beeinträchtigen.
Wirtschaftlich gesehen bringt mir der Wohnsitzwechsel nach Kolumbien jedoch keine Vorteile, im Gegenteil. Gemessen am Niveau und der Lebensqualität in Kolumbien ist die Bilanz zudem definitiv unattraktiv.

Aber ich komme hier auf das Thema zurück und werde sicherlich in einem neuen Thread darauf eingehen.

Mit meiner Bemerkung zum Anstieg der Mehlpreise wollte ich keineswegs eine persönliche Beschwerde vorbringen, sondern anhand eines konkreten Beispiels verdeutlichen, wie sich die Folgen der unverhältnismäßig impulsiven und unüberlegten Erhöhung des Mindestlohns auf grundlegende Konsumgüter auswirken. denn wir sprechen hier von Mehl und nicht etwa von Kaviar oder Champagner.
Es braucht weit mehr als eine Erhöhung des Mindestlohns, um ein wenig Gleichgewicht zwischen den sozialen Schichten in einem Land wie Kolumbien herzustellen, wo bis heute in vielen Bereichen und Regionen (wie unserer) feudalistische und extrem klassistische Verhältnisse und Ideologien herrschen, die sich seit der Eroberung des Kontinents gehalten haben.

@Max hat den Kern meines Kommentars erfasst. Wie soll ein Kleinunternehmer, um wieder ein konkretes Beispiel meines Bäckerfreundes anzuführen, die Herausforderungen solcher Erhöhungen bewältigen? Soziale Verantwortung seitens der Unternehmen ist keine Besonderheit von Entwicklungsländern, sondern eine sozioökonomische Notwendigkeit an sich, auch in fortgeschrittenen Ländern. Und hier halte ich Ihre Behauptung, dass jemand, der unternehmerische Planungssicherheit erwartet, in Kolumbien am falschen Ort ist, für zynisch und realitätsfern. Glauben Sie wirklich, dass die unzähligen kleinen und mittleren Unternehmer die Wahl haben? Sie eröffnen ihre kleinen Firmen und Unternehmen dort, wo sie leben, und in den meisten Fällen tun sie dies, um zu überleben oder ein anständiges Leben zu führen, sicherlich nicht mit der Absicht, ihre Mitarbeiter auszunehmen. Ich beziehe mich hier nicht auf bestimmte große Unternehmen, multinationale Konzerne, deren Brands mehr oder weniger bekannt sein dürften.
Wie @Max zu Recht bemerkt hat, sind Sicherheit und soziale Verantwortung ein gesellschaftliches Thema, zu dem nicht nur Unternehmer, sondern auch Arbeitnehmer, Gesellschaft und Politik ihren Beitrag leisten müssen.
Es ist definitiv nicht die Aufgabe kleiner und mittlerer Unternehmer (zumindest in der aktuellen Wirtschaftsstruktur), den Lebensunterhalt einer ganzen Familie eines einzelnen Arbeiters zu decken; was im übrigen den neuen Mindestlohn kaum zu bewirken mag.
Wir sollten keine Leistungen und Bedingungen fordern, die wir nicht einmal in Europa haben. In der Schweiz und in Italien sind Familien, die von einem einzigen Gehalt leben, eher die Ausnahme.
Die Löhne basieren auf Leistung und Produktivität und nicht auf den familiären Bedürfnissen der Arbeitnehmer.

Ich stimme @Nico voll und ganz zu, dass die Situation bedauerlich ist. Arbeitnehmer, die gezwungen sind, Tageslöhne zu akzeptieren, die in der Regel nicht gesetzeskonform sind, ohne Sozialleistungen usw., können eher als Sklaven mit nächtlicher Heimkehr betrachtet werden als als Arbeitnehmer. Aber gerade für diese Menschen wird sich nichts ändern. Die soziale Struktur und viele andere Faktoren verhindern unweigerlich einen Ansatz für eine kurz- oder mittelfristige Lösung. Eine Lohnerhöhung ohne Maßnahmen an den entscheidenden Fronten nährt nur den Teufelskreis.
Die globalen neoliberalen Tendenzen, die diese „Scherenentwicklung” auch in wirtschaftlich stabilen Ländern nähren, tragen sicherlich nicht zu einer Verbesserung in Kolumbien bei, an der die herrschende Klasse kein Interesse hat.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre in Deutschland die Produktivität und Geschäftstätigkeit der Familienfabrik durch zunehmende Forderungen nach Lohnnebenleistungen und Sozialleistungen gebremst wurde, die zwar nachvollziehbar und teilweise auch gerechtfertigt waren, für das Unternehmen jedoch wirtschaftlich nicht tragbar waren und schließlich zur Schließung der Fabrik führten.
Von Kolumbien und insbesondere von der derzeitigen Regierung hätte ich ein besser durchdachtes Konzept mit einer gerechteren und vor allem realisierbaren Verantwortung und Lastenverteilung erwartet.

An Vorbildern, an denen man sich orientieren kann, mangelt es nicht.
Virtus Junxit Mors Non Separabit

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