@Nico, ich stimme dir voll und ganz zu bezüglich
Wer sich bewusst ein Land wie Kolumbien als Domizil aussucht, um von der hohen Kaufkraft seiner Auslandsrente zu profitieren, sollte auf solche wirtschaftspolitischen Sprünge vorbereitet sein
Es ist jedoch offensichtlich, dass du sowohl meinen Beitrag missverstanden hast als auch ein falsches Bild von den Gründen hast, warum ich mich endlich in Kolumbien niedergelassen habe. Letzteres war keine Entscheidung zur Optimierung meines "Haushaltsbudgets" oder meiner Kaufkraft - von der ich mich nicht beklagen kann - wie es bei einem Großteil derjenigen der Fall ist, die diesen Schritt gehen. Was hat dich eigentlich nach Kolumbien geführt, lebst du von einer Auslandrente oder eines inländischen Einkommen? Das wäre interessant zu wissen, um gewisse deiner Ansichten nachzuvollziehen. Natürlich habe ich volles Verständnis, falls du dich diesbezüglich nichtäussern magst.
Ich selbst bin schliesslich nach Kolumbien gezogen, um meine Frau zu begleiten und ihr einen Wunsch zu erfüllen, nämlich in der Nähe ihrer Familie zu sein, da sie aufgrund ihrer chronischen Krankheit unter fortschreitendem kognitiven Verfall leidet. Wie man sich vorstellen kann, ist das alles andere als eine angenehme Situation.
Ein weiterer Grund ist, dass ich hier von der Abwesenheit von Betulaceae profitiere, d. h. von Allergenen, die mich in der Schweiz und in Italien stark beeinträchtigen.
Wirtschaftlich gesehen bringt mir der Wohnsitzwechsel nach Kolumbien jedoch keine Vorteile, im Gegenteil. Gemessen am Niveau und der Lebensqualität in Kolumbien ist die Bilanz zudem definitiv unattraktiv.
Aber ich komme hier auf das Thema zurück und werde sicherlich in einem neuen Thread darauf eingehen.
Mit meiner Bemerkung zum Anstieg der Mehlpreise wollte ich keineswegs eine persönliche Beschwerde vorbringen, sondern anhand eines konkreten Beispiels verdeutlichen, wie sich die Folgen der unverhältnismäßig impulsiven und unüberlegten Erhöhung des Mindestlohns auf grundlegende Konsumgüter auswirken. denn wir sprechen hier von Mehl und nicht etwa von Kaviar oder Champagner.
Es braucht weit mehr als eine Erhöhung des Mindestlohns, um ein wenig Gleichgewicht zwischen den sozialen Schichten in einem Land wie Kolumbien herzustellen, wo bis heute in vielen Bereichen und Regionen (wie unserer) feudalistische und extrem klassistische Verhältnisse und Ideologien herrschen, die sich seit der Eroberung des Kontinents gehalten haben.
@Max hat den Kern meines Kommentars erfasst. Wie soll ein Kleinunternehmer, um wieder ein konkretes Beispiel meines Bäckerfreundes anzuführen, die Herausforderungen solcher Erhöhungen bewältigen? Soziale Verantwortung seitens der Unternehmen ist keine Besonderheit von Entwicklungsländern, sondern eine sozioökonomische Notwendigkeit an sich, auch in fortgeschrittenen Ländern. Und hier halte ich Ihre Behauptung, dass jemand, der unternehmerische Planungssicherheit erwartet, in Kolumbien am falschen Ort ist, für zynisch und realitätsfern. Glauben Sie wirklich, dass die unzähligen kleinen und mittleren Unternehmer die Wahl haben? Sie eröffnen ihre kleinen Firmen und Unternehmen dort, wo sie leben, und in den meisten Fällen tun sie dies, um zu überleben oder ein anständiges Leben zu führen, sicherlich nicht mit der Absicht, ihre Mitarbeiter auszunehmen. Ich beziehe mich hier nicht auf bestimmte große Unternehmen, multinationale Konzerne, deren Brands mehr oder weniger bekannt sein dürften.
Wie @Max zu Recht bemerkt hat, sind Sicherheit und soziale Verantwortung ein gesellschaftliches Thema, zu dem nicht nur Unternehmer, sondern auch Arbeitnehmer, Gesellschaft und Politik ihren Beitrag leisten müssen.
Es ist definitiv nicht die Aufgabe kleiner und mittlerer Unternehmer (zumindest in der aktuellen Wirtschaftsstruktur), den Lebensunterhalt einer ganzen Familie eines einzelnen Arbeiters zu decken; was im übrigen den neuen Mindestlohn kaum zu bewirken mag.
Wir sollten keine Leistungen und Bedingungen fordern, die wir nicht einmal in Europa haben. In der Schweiz und in Italien sind Familien, die von einem einzigen Gehalt leben, eher die Ausnahme.
Die Löhne basieren auf Leistung und Produktivität und nicht auf den familiären Bedürfnissen der Arbeitnehmer.
Ich stimme @Nico voll und ganz zu, dass die Situation bedauerlich ist. Arbeitnehmer, die gezwungen sind, Tageslöhne zu akzeptieren, die in der Regel nicht gesetzeskonform sind, ohne Sozialleistungen usw., können eher als Sklaven mit nächtlicher Heimkehr betrachtet werden als als Arbeitnehmer. Aber gerade für diese Menschen wird sich nichts ändern. Die soziale Struktur und viele andere Faktoren verhindern unweigerlich einen Ansatz für eine kurz- oder mittelfristige Lösung. Eine Lohnerhöhung ohne Maßnahmen an den entscheidenden Fronten nährt nur den Teufelskreis.
Die globalen neoliberalen Tendenzen, die diese „Scherenentwicklung” auch in wirtschaftlich stabilen Ländern nähren, tragen sicherlich nicht zu einer Verbesserung in Kolumbien bei, an der die herrschende Klasse kein Interesse hat.
Ich erinnere mich noch gut daran, wie Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre in Deutschland die Produktivität und Geschäftstätigkeit der Familienfabrik durch zunehmende Forderungen nach Lohnnebenleistungen und Sozialleistungen gebremst wurde, die zwar nachvollziehbar und teilweise auch gerechtfertigt waren, für das Unternehmen jedoch wirtschaftlich nicht tragbar waren und schließlich zur Schließung der Fabrik führten.
Von Kolumbien und insbesondere von der derzeitigen Regierung hätte ich ein besser durchdachtes Konzept mit einer gerechteren und vor allem realisierbaren Verantwortung und Lastenverteilung erwartet.
An Vorbildern, an denen man sich orientieren kann, mangelt es nicht.