Diskussion zur Erhöhung des Mindestlohnes 2026 um 23 %

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Don Maximo
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Diskussion zur Erhöhung des Mindestlohnes 2026 um 23 %

Beitrag von Don Maximo »

⇒ Letzter Beitrag der vorhergehenden Seite:

@Nico, ich stimme dir voll und ganz zu bezüglich
Wer sich bewusst ein Land wie Kolumbien als Domizil aussucht, um von der hohen Kaufkraft seiner Auslandsrente zu profitieren, sollte auf solche wirtschaftspolitischen Sprünge vorbereitet sein
Es ist jedoch offensichtlich, dass du sowohl meinen Beitrag missverstanden hast als auch ein falsches Bild von den Gründen hast, warum ich mich endlich in Kolumbien niedergelassen habe. Letzteres war keine Entscheidung zur Optimierung meines "Haushaltsbudgets" oder meiner Kaufkraft - von der ich mich nicht beklagen kann - wie es bei einem Großteil derjenigen der Fall ist, die diesen Schritt gehen. Was hat dich eigentlich nach Kolumbien geführt, lebst du von einer Auslandrente oder eines inländischen Einkommen? Das wäre interessant zu wissen, um gewisse deiner Ansichten nachzuvollziehen. Natürlich habe ich volles Verständnis, falls du dich diesbezüglich nichtäussern magst.

Ich selbst bin schliesslich nach Kolumbien gezogen, um meine Frau zu begleiten und ihr einen Wunsch zu erfüllen, nämlich in der Nähe ihrer Familie zu sein, da sie aufgrund ihrer chronischen Krankheit unter fortschreitendem kognitiven Verfall leidet. Wie man sich vorstellen kann, ist das alles andere als eine angenehme Situation.
Ein weiterer Grund ist, dass ich hier von der Abwesenheit von Betulaceae profitiere, d. h. von Allergenen, die mich in der Schweiz und in Italien stark beeinträchtigen.
Wirtschaftlich gesehen bringt mir der Wohnsitzwechsel nach Kolumbien jedoch keine Vorteile, im Gegenteil. Gemessen am Niveau und der Lebensqualität in Kolumbien ist die Bilanz zudem definitiv unattraktiv.

Aber ich komme hier auf das Thema zurück und werde sicherlich in einem neuen Thread darauf eingehen.

Mit meiner Bemerkung zum Anstieg der Mehlpreise wollte ich keineswegs eine persönliche Beschwerde vorbringen, sondern anhand eines konkreten Beispiels verdeutlichen, wie sich die Folgen der unverhältnismäßig impulsiven und unüberlegten Erhöhung des Mindestlohns auf grundlegende Konsumgüter auswirken. denn wir sprechen hier von Mehl und nicht etwa von Kaviar oder Champagner.
Es braucht weit mehr als eine Erhöhung des Mindestlohns, um ein wenig Gleichgewicht zwischen den sozialen Schichten in einem Land wie Kolumbien herzustellen, wo bis heute in vielen Bereichen und Regionen (wie unserer) feudalistische und extrem klassistische Verhältnisse und Ideologien herrschen, die sich seit der Eroberung des Kontinents gehalten haben.

@Max hat den Kern meines Kommentars erfasst. Wie soll ein Kleinunternehmer, um wieder ein konkretes Beispiel meines Bäckerfreundes anzuführen, die Herausforderungen solcher Erhöhungen bewältigen? Soziale Verantwortung seitens der Unternehmen ist keine Besonderheit von Entwicklungsländern, sondern eine sozioökonomische Notwendigkeit an sich, auch in fortgeschrittenen Ländern. Und hier halte ich Ihre Behauptung, dass jemand, der unternehmerische Planungssicherheit erwartet, in Kolumbien am falschen Ort ist, für zynisch und realitätsfern. Glauben Sie wirklich, dass die unzähligen kleinen und mittleren Unternehmer die Wahl haben? Sie eröffnen ihre kleinen Firmen und Unternehmen dort, wo sie leben, und in den meisten Fällen tun sie dies, um zu überleben oder ein anständiges Leben zu führen, sicherlich nicht mit der Absicht, ihre Mitarbeiter auszunehmen. Ich beziehe mich hier nicht auf bestimmte große Unternehmen, multinationale Konzerne, deren Brands mehr oder weniger bekannt sein dürften.
Wie @Max zu Recht bemerkt hat, sind Sicherheit und soziale Verantwortung ein gesellschaftliches Thema, zu dem nicht nur Unternehmer, sondern auch Arbeitnehmer, Gesellschaft und Politik ihren Beitrag leisten müssen.
Es ist definitiv nicht die Aufgabe kleiner und mittlerer Unternehmer (zumindest in der aktuellen Wirtschaftsstruktur), den Lebensunterhalt einer ganzen Familie eines einzelnen Arbeiters zu decken; was im übrigen den neuen Mindestlohn kaum zu bewirken mag.
Wir sollten keine Leistungen und Bedingungen fordern, die wir nicht einmal in Europa haben. In der Schweiz und in Italien sind Familien, die von einem einzigen Gehalt leben, eher die Ausnahme.
Die Löhne basieren auf Leistung und Produktivität und nicht auf den familiären Bedürfnissen der Arbeitnehmer.

Ich stimme @Nico voll und ganz zu, dass die Situation bedauerlich ist. Arbeitnehmer, die gezwungen sind, Tageslöhne zu akzeptieren, die in der Regel nicht gesetzeskonform sind, ohne Sozialleistungen usw., können eher als Sklaven mit nächtlicher Heimkehr betrachtet werden als als Arbeitnehmer. Aber gerade für diese Menschen wird sich nichts ändern. Die soziale Struktur und viele andere Faktoren verhindern unweigerlich einen Ansatz für eine kurz- oder mittelfristige Lösung. Eine Lohnerhöhung ohne Maßnahmen an den entscheidenden Fronten nährt nur den Teufelskreis.
Die globalen neoliberalen Tendenzen, die diese „Scherenentwicklung” auch in wirtschaftlich stabilen Ländern nähren, tragen sicherlich nicht zu einer Verbesserung in Kolumbien bei, an der die herrschende Klasse kein Interesse hat.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre in Deutschland die Produktivität und Geschäftstätigkeit der Familienfabrik durch zunehmende Forderungen nach Lohnnebenleistungen und Sozialleistungen gebremst wurde, die zwar nachvollziehbar und teilweise auch gerechtfertigt waren, für das Unternehmen jedoch wirtschaftlich nicht tragbar waren und schließlich zur Schließung der Fabrik führten.
Von Kolumbien und insbesondere von der derzeitigen Regierung hätte ich ein besser durchdachtes Konzept mit einer gerechteren und vor allem realisierbaren Verantwortung und Lastenverteilung erwartet.

An Vorbildern, an denen man sich orientieren kann, mangelt es nicht.
Virtus Junxit Mors Non Separabit

Nico
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Beitrag von Nico »

Vielen Dank für die sehr differenzierte Antwort und den Einblick in deine persönliche Situation. Es tut mir aufrichtig leid zu hören, vor welchen familiären Herausforderungen du stehst; das rückt deine Perspektive natürlich in ein ganz anderes Licht.

Ich stimme dir in einem wesentlichen Punkt absolut zu, die Lastenverteilung ist das Problem. Es ist tragisch, dass in Kolumbien oft die kleinen Bäcker oder Handwerker die Zeche für soziale Korrekturen zahlen müssen, während die großen Konglomerate und die herrschende Klasse ihre Pfründe sichern. Wir sind uns einig, dass der Mindestlohn allein kein Allheilmittel ist, solange die strukturellen Probleme wie Lohnnebenkosten, Korruption, mangelnde Infrastruktur bestehen bleiben.

Was meine persönliche Lage angeht, ich sehe mich hier weniger als Statistiker, sondern als Beobachter der sozialen Dynamiken. Ob mein Einkommen aus dem In- oder Ausland stammt, ändert für mich nichts an der moralischen Frage, kann ein System stabil sein, in dem die arbeitende Klasse trotz Vollzeitbeschäftigung nicht von ihrem Lohn leben kann?

Wo wir uns wahrscheinlich weiterhin unterscheiden, ist die Bewertung der Dringlichkeit, du siehst das Risiko für den Unternehmer, die Fabrikschließung, die du aus Deutschland erwähntest, ich sehe die unmittelbare Gefahr des sozialen Kollapses. Wenn die Menschen am unteren Ende der Leiter nicht mehr essen können, gibt es bald gar keinen Markt mehr, in dem ein Bäcker etwas verkaufen könnte.

Die Erhöhung ist vielleicht ein stumpfes Schwert und volkswirtschaftlich riskant, aber in einem Land, das so tief gespalten ist wie Kolumbien, ist sie oft das einzige Signal, das bei den Menschen ankommt, bevor die Verzweiflung in Gewalt umschlägt. Es ist ein Dilemma ohne einfache Lösung – aber danke für den sachlichen Austausch darüber.

coentros
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Beitrag von coentros »

Was die von mir erwähnte Statistik betrifft. Es ist keine Spielerei.

Ich habe betont und wiederhole wie folgt: "Es geht mir hier ausschliesslich darum was empirisch (statistisch) funktioniert und im Sinne der betroffenen Menschen ist". Den weiteren Hinweis was meines Erachtens nachhaltig helfen würde muss natürlich nicht aufgegriffen werden. So leid es mir tut. Wahrheiten und wirtschaftliche Zusammenhänge sind oftmals nun einmal komplizierter als "Der Mindestlohn muss ordentlich erhöht werden und dann haben wir das Problem gelöst".

Ansonsten verwehre ich mich gegen Unterstellungen im Sinne von "Sehnsucht nach dem billigen Kolumbien" oder "Klagen über Inflation". Ich bin hier schon einmal im Forum persönlich angegangen worden obwohl der Forumteilnehmer null Ahnung von meinem Leben und Wirken hatte.

Last-but-not-least bin ich aktuell dabei einem jungen Menschen vor Ort mit Rat und Tat bei seiner Existenzgründung zu helfen, im Sinne Hilfe zur Selbsthilfe. Er hatte bislang nicht einmal ein salario minimo. Der sozialen Dynamik in Kolumbien bin ich mir sehr bewusst. Mehr möchte ich dazu nicht sagen. Es hilft nicht viel bzw gar nichts wenn ich hier im Forum meine Anteilnahme bekräftige oder das Bedauern über die reich-arm Gegensätze auf der Welt ausdrücke oder alternativ mich nur auf das Beobachten der sozialen Dynamik vor Ort beschränke.

Max
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Beitrag von Max »

Ein großes Problem ist natürlich auch das vieles dieser kleine Tiendas nicht ganz offiziel sind, oder bekommst Du von deiner Panaderia eine facturacion electronica ????? Wenn das nicht so ist dann kannst Du auch gleich annehmen das sie dem Personal nicht den offizielen sal minimo zahlen. Ich sage immer ganz einfach, wie kann man eine Business checken das Sie wirklich legal sind ? Jedes Business braucht ein Certificado de Bomberos ( Feuerwehr ) also immer schauen ob Rauchmelder installiert sind. Wenn Du dann alles sumierst dann bezahlst Du schnell mehr als 10 Millionen wie dein Konkurrent ( Sycro y symcro, fumigacion , uso de suelo , certificiacion de bomberos, facturacion electronica ). Wenn deine Konkurenten das alles nicht bezahlen neben des salarios minimos und der Sozialabgaben dann wirds halt schwer das alles zu bezahlen. Das das Salario wenig ist ist klar, aber wenn alles das bezahlen würden was Sie müssen, dann könnte sich was ändern. Leider ist von den zustaändigen Behörden da absolut kein Interesse.
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Don Maximo
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Beitrag von Don Maximo »

@Max, ja, mein Freund, der Bäcker, hat ein reguläres Geschäft und steht deshalb unter Druck, da er sich an die Vorschriften halten muss.
Ob er eine elektronische Rechnung ausstellt, weiß ich ehrlich gesagt nicht, da er darauf besteht, mir die Einkäufe nicht in Rechnung zu stellen. Aber ich nehme an, dass sein Laden nicht zur Ausstellung einer solchen Rechnung verpflichtet ist. Soweit ich weiß, sind kleine Unternehmen mit einem Umsatz von bis zu 3'500 UVT von der Ausstellung befreit. Die Frage der Einhaltung der Mindestlöhne steht dann auch nicht in Zusammenhang mit anderen Auflagen wie den Brandschutz- und Hygienevorschriften. Ich musste zwangsläufig verschiedene Auflagen erfüllen, da er ein Gebäude meiner Frau gemietet hat. Außerdem führte meine Schwägerin bis vor zweieinhalb Jahren ein Restaurant, ebenfalls in einem Gebäude meiner Frau, und ich hatte die Änderungen auf meine Kosten übernommen und mich in die Vorschriften der zuständigen Behörde eingemischt, da diese missbräuchlich manipuliert worden waren.
Das Gehalt seiner Angestellten und die Sozialleistungen überweist er an meinen Treuhänder. Eine integre Person.

Tatsächlich, so erzählte er mir, kann er sich dank der Tatsache, dass seine Frau und seine Schwiegermutter informell arbeiten, über Wasser halten. Und ausserdem dank der Tatsache, dass meine Frau ihm sowohl für das Geschäft als auch für die Wohnung in einem anderen Gebäude eine Miete berechnet, die erheblich unter dem Marktwert liegt.

@Glboetrotter, wie kommst du auf Gesamtkosten von 3'360'000 COP pro Angestellte? Mein Treuhänder begleicht alles mit knapp über 135 % des geltenden Mindestlohns. Alles offiziell mit DIAN usw., d. h. für 2026 wären das für dieses Jahr monatlich etwas mehr als 2'700'000.
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Glboetrotter
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Beitrag von Glboetrotter »

Ich stimme Nico und den anderen aus menschlicher Sicht zu, dass man mit einem Minimumlohn in Kolumbien (und vielen anderen Entwicklungsländern) sehr schwer über die Runden kommt, selbst bei 2 Millionen Pesos in einer kolumbianischen Stadt.

In ländlichen Regionen mit Dörfern und Kleinstädten ausserhalb der Touristenzonen war selbst der Lohn von 2025 genügend. Dabei ist der Hauptunterschied die Wohnungsmiete, die dort oft nur um 500,000 Pesos monatlich ist (bis 1 Million Pesos für eine 3 Zimmer Wohnung, die in Medellin, Cartagena, Bogota schnell 3 Millionen kosten). Wohnungen kosten dann häufig unter 100 Millionen - nicht Touristenorte/Zonen.

Ein gerechtfertigter Lohn wird jedoch durch arbeitsmässig höhere Produktivität erzielt (häufig bedingt das auch eine bessere Schulausbildung). Je höher diese mit Gewinn ist, dann umso höher die Lohnerhöhung und somit der Lebensstandard generell.

Man kann nicht ohne höhere Produktion (und Inflation von 5.1 % jährlich), willkürlich den Lohn um ein Mehrfaches davon erhöhen, ohne dass Arbeitgeber darunter leiden. Deren Produktion, respektive Verkauf steigt nicht deshalb um 23 % im Jahr 2026. Es gelingt bei wenigen Branchen (zB plötzlich ein Touristenboom mit dem Schiff auf dem Magdalena Rio von Barranquilla nach Mompox / oder Verkäufe von e-Autos) und Firmen (einige Restaurants, Souvenirläden und Hotels könnten davon profitieren), aber nicht durchschnittlich im Land.
Das hat nichts mit meiner politischen Einstellung zu tun, sondern mit Volkswirtschaftslehre.

Würden die Kolumbianer länger und konzentrierter arbeiten (mit weniger Pausen und weiteren unproduktiven Ablenkungen während der Arbeitszeit), dann würde die Produktion höher liegen und somit auch der Gewinn für das Unternehmen, die dann mehr Arbeitsplätze schaffen.
Die Konkurrenz in anderen Ländern schläft nicht. Bedingt natürlich auch tiefere Steuern, Rechtsicherheit und allgemeine Sicherheitslage im Land (weniger Kriminalität).

@ Don Maximo:
2'731'000 Pesos war die Gesamtausgabe eines Angestellten für das Jahr 2025.
Die 3'360'000 Pesos brutto für den Arbeitgeber ist inklusive alles für 2026...
Minimumlohn 1'750'000
Transport. 250'000
Pension 16% .... 280'000
Salud 12.5 % ...218'000
Cesantias .... 166'000
Prima de servicios ..166'000
Dotación .... 146'000
ARL 7 % ... 122'000
Vacaciones ... 73'000
Caja de Compensación. .. 70'000
ICBF. .... 60'000
Sena .... 40'000
Intereses a la Cesantias ... 20'000

Die Aufstellung sah ich auf einem Bild, das eine seriöse Quelle zu sein scheint.

coentros
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Beitrag von coentros »

Um noch einen Aspekt einzubringen.

Überproportionale Mindestlöhne schaden vor allem JUNGEN Menschen. Denjenigen die irgendwie versuchen müssen überhaupt und ERSTMALS in einen Arbeitsmarkt hineinzukommen. Das Thema der Mindestlöhne wird regelmässig vor allem von Menschen mittleren und höheren Alters vehement instrumentalisiert. Beispiele finden sich überall auf der Welt. Wo Mindestlöhne ÜBERPROPORTIONAL per Dekret festgesetzt wurden, z.B. in Südafrika oder Argentinien hat sich die Jugendarbeitslosigkeit absurd hoch entwickelt. Letzteren bleibt dann wirklich nur noch Schwarzarbeit oder sehr unerfreuliche oder illegale Arten der Geldbeschaffung.

Auch in Europa findet sich ein Land, Spanien, in welchem durch überproportionale Mindestlohnanstiege die Jugendarbeitslosigkeit weiterhin erschreckend hoch oder sogar angestiegen ist. Jeder dritte unter 25 Jahren ist im Süden Spaniens ohne Arbeit. Dort wo die Produktivität hoher ist (Madrid, Baskenland) sieht es deutlich besser aus.

Ein Mindestlohn sollte insbesondere einen Einstieg in einen Arbeitsmarkt begünstigen und nicht verhindern. Aufgrund des globalen Wettbewerbs um Arbeitsplätze ist danach und längerfristig einem jeden anzuraten seinen Lohn über einen Mindestlohn zu steigern, sei es z.B. durch Spezialisierung, qualifizierte Weiterbildung, Umzug, flexible Jobwechsel, Erschliessung zusätzlicher Einkommensquellen oder sonstige kreative Massnahmen. Unbequeme Dinge, ja. Aber ich habe konkrete Beispiele in der Verwandtschaft vor Augen die sich auf den Weg gemacht haben um anderswo ein Einkommen zu erzielen oder im Selbststudium richtig brauchbares Englisch gelernt haben und heute Webseiten programmieren können. Interessanterweise haben diese zum Thema Mindestlohn eine klare Meinung.
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Don Maximo
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Beitrag von Don Maximo »

@Tenere-wue, das Dekret, das den Mindestlohn für 2026 festlegt, wurde angefochten. Eine mögliche Erklärung der Nichtigkeit des Dekrets und des darin festgelegten Mindestlohns hätte jedoch keine rückwirkende Wirkung.
Da sich das Verfahren mit einer entsprechenden Entscheidung leicht bis weit über das Ende des laufenden Jahres hinaus hinziehen kann, hätte eine solche Aufhebung keine Auswirkungen auf bereits gezahlte Löhne.
Würde hingegen die Nichtigkeit noch im laufenden Jahr erklärt, würden die Löhne wieder auf das Niveau von 2025 zurückfallen, zumindest bis zum Erlass eines neuen Dekrets (das ebenfalls keine rückwirkende Wirkung hätte).

@Glboetrotter, ich stimme dem Kern deines letzten Kommentars voll und ganz zu. Was einen absoluten Mindestlohn angeht, so stehe ich einem einheitlich-nationalen gesetzlichen Mindestlohn persönlich sehr kritisch gegenüber, da er meiner Meinung nach letztendlich weniger dem Schutz der Arbeitnehmer dient, sondern vielmehr missbräuchlich als Referenzwert herangezogen wird, um beispielsweise Löhne zu drücken, dort wo oft höhere Beträge gerechtfertigt wären.
Ausserdem gibt es das von dir erwähnte, keineswegs seltene Problem der Unrentabilität und einer weit verbreiteten Arbeitsmoral vieler unengagierter Arbeitnehmer. Nach dem Motto: "Ich bekomme eh mein Lohn" und, "wenn ich besser und mehr arbeite bekomme ich ohnehin nicht mehr".

Meiner Meinung nach muss man zwei Konzepte klar unterscheiden und voneinander trennen.
Mindestlohn und existenzsichernder Mindestlohn, wie ihn nun Petro fordert.

Anstelle eines nationalen gesetzlichen Mindestlohns würde ich lieber Mindestlöhne sehen, die auf Branchenebene (und allenfalls regional) festgelegt werden. Zum Beispiel durch Tarifverträge, wie sie in der Schweiz oder in Italien gelten, (wo die Verfassung dem Arbeitnehmer das Recht auf eine Vergütung zuspricht, die der Quantität und Qualität der geleisteten Arbeit entspricht und ausreicht, um ihm und seiner Familie ein freies und würdiges Leben zu ermöglichen). Diese von mir hoffentlich treu übersetzte Definition ist sehr elastisch und flexibel, auch in Abhängigkeit von regionalen Gegebenheiten.

Übrigens gab es in Kolumbien bis Anfang der 80er Jahre Mindestlöhne, die nach Region, Branche, Alter usw. festgelegt waren (die Kriterien änderten sich im Laufe der Jahre, bis gegen 1983 oder 1984 einen national einheitlichen Mindestlohn eingeführt wurde).
Ich würde zudem einen existenzsichernden Mindestbetrag (nicht Lohn) definieren, der so berechnet wird, dass er den Grundunterhalt sicherstellt, einschließlich Ausgaben für Lebensmittel, Kleidung, Unterkunft, Bildung, Gesundheit und Transport, mit spezifischen Beträgen je nach familiärer Situation und regionalen Gegebenheiten.
Dort wo die Löhne nicht existenzsichernd sind, sollte eine Einrichtung bzw. einen Ausgleich geschaffen werden, der Fair verteilt von der Wirtschaft finanziert wird und zum Beispiel in Form von Familienbeihilfen, Kindergeld Zielgerecht usw. verteilt wird.
Ich bin mir jedoch bewusst, dass es die ideale Lösung nicht gibt und ein solches Unterfangen in Kolumbien nur noch mehr bürokratischer Ballast der die Wirtschaft lahmt derstellen würde.
Die Situation in Kolumbien ist desolat, aber das ist nichts Neues. Diese extremen Ungleichheiten und Ausbeutungen der nicht privilegierten Schichten haben ebenso viel Tradition wie System. Nichts Neues. Wer sich ein wenig mit der Geschichte und der sozialen entwicklung Kolumbiens auseinandergesetzt hat, weiss wohl, was ich meine. Die Unruhen und bewaffneten Konflikte sind ja auf diesem Boden entstanden.

@Glboetrotter
Die Berechnung der Gesamtkosten und der Zusatzleistungen des Mindestlohns ist in der Praxis komplexer, da Leistungen und Beiträge von verschiedenen Faktoren abhängen. Dazu gehören die Art des Unternehmens, die Anzahl der Beschäftigten, der Arbeitsbereich und, von erheblicher Bedeutung, die Berufsrisikogruppe.
Die tatsächlichen Kosten eines Mindestlohns für einen Vollzeitbeschäftigten können je nach den oben genannten Faktoren erheblich variieren und schwanken für das Jahr 2026 (mit Ausnahmen) zwischen ca. 2.715.565 für Löhne, die von Beiträgen an ICBF y SENA befreit sind, und 3.064.660 COP für Arbeiter in einer hohen beruflichen Risikokategorie.
Die Daten deiner Quelle scheinen eher ungenau zu sein.
Der Beitrag (des Arbeitgebers) zur Altersvorsorge beträgt beispielsweise 8,5 %, zur Gesundheitsvorsorge 12 %. In vielen Fällen gibt es eine Befreiung von den ICBF- und SENA-Beiträgen (wie auch in unserem Fall).
Die Dotación ist obligatorisch, es gibt jedoch keine festgelegten Mindest- oder Pauschalbeträge. Die Dotación muss in Form von Sachleistungen erbracht werden und kann nicht in bar ausgeglichen werden. Sie muss den Bedürfnissen angemessen sein. Die Kosten können erheblich variieren.

Der „Auxilio de transporte” fällt dann weg, wenn z. B. die angestellte am Arbeitsort Wohnen oder in dessen unmittelbarer Nähe. Wir müssen den beispielsweise nicht entrichten, da der Arbeiter in unmittelbarer Nähe (ca. 700 m von uns entfernt) wohnt.
Dafür hat er ohnehin einen guten Lohn, 40 Std. Woche, freie Verpflegung, eine grosszügige "Dotación" und weitere Vorteile.

Für diejenigen, die sich näher mit diesem Thema und Lohnbestandteile befassen möchten, gibt es verschiedene Portale, die sich ausführlich damit befassen, darunter z. B. bitakora.co und gerencie.com
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coentros
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Diskussion zur Erhöhung des Mindestlohnes 2026 um 23 %

Beitrag von coentros »

Nun, woran liegt es ?

So leid es mir tut sehe ich hier einen Zusammenhang mit der überproportionalen Anhebung des salario minimo über die letzten Jahre. Nicht nur die letzte, aktuelle Anhebung. In einem komplexen Geschehen sind es niemals nur einzelne monokausale Faktoren. Aber hier eben doch ein sehr entscheidender Faktor der die Inflation antreibt. Seit 2021 hat sich das salario minimo praktisch verdoppelt. Ergebnis eines 5y CAGR von ca 15%. Im selben Zeitraum hat sich auch die Inflation deutlich über dem angestrebten Zielwert von 3% entwickelt. 10%, 12%, 6%, 5%, 6%, da kommt in der Summe einiges zusammen. Man mag diese Zahlen als "kalt" empfinden. Sie sind aber eine Realität die das reale Leben eines jeden betreffen.

Ergo: Gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht. Die alte Weisheit. Was unangemessene, staatlich verordnete überproportionale Lohnsteigerungen volkswirtschaftlich für einen Schaden anrichten werden Sozialisten niemals akzeptieren oder begreifen, oder beides.

Um aber auch eine Spitze gegen den Vorgänger zu setzen.

Heute habe ich eine Grafik gesehen die mir wirklich weh tut. Da die Verlinkung hier im Forum nicht so sehr erwünscht ist formuliere ich es mit meinen eigenen Worten. Da wird in einem Wirtschaftsforum über Paradigmenwechsel diskutiert, mit glaubwürdigen Grafiken, etc, ob und was China und Verbündete mit ihrer Währung und massiven Goldkäufen tun um die US-Abhängigkeit zu verringern. Bestätigt mit anderen Quellen finden sich ein Dutzend Länder (China, Indien, Brasilien, Türkei, Polen, Katar, Ungarn, Tschechien, Irak, Thailand, Ghana, Usbekistan) die nahezu 60% der Weltbevölkerung repräsentieren (5 Mia). Alle wollen vorankommen. All deren Zentralbanken haben in den letzten Jahren (viel) Gold gekauft.

Die Länder die anteilsmässig viel Gold verkauft haben: Philippinen, Sri Lanka, Mongolei, Curacao/St.Maarten wird namentlich erwähnt :irr: , Surinam, Äthiopien, lauter, so leid es mir tut, nicht gerade als fortschrittlich bekannte Länder ...und dann taucht als einziges lateinamerikanisches Land prominent Kolumbien auf. Es ist einfach nur zum heulen. Auch weil noch ganz andere Faktoren die meist gar nicht erwähnt/bedacht werden die Zukunft der wichtigsten Reservewährung erahnen lassen. Und den damaligen Goldverkauf als schweren Fehler. Wie gesagt, dass war unter dem Vorgänger (Duque) geschehen.

Ansonsten kann man nur wünschen dass Kolumbien wieder einmal kompetente Politiker bekommt und eine Administration bei der eben nicht in nur einer Legislaturperiode 60 Minister in 19 Ressorts ausgetauscht werden. Wie soll da Stabilität entstehen ?

DAS hat Kolumbien nicht verdient !!
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s-dedalus
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Diskussion zur Erhöhung des Mindestlohnes 2026 um 23 %

Beitrag von s-dedalus »

Ja, sicherlich ist das salario minimo ein wichtiger Inflationstreiber. Und Inflation trifft die Ärmsten am stärksten, weil sie wenig wertstabiles Sachvermögen (Immobilien, Produktivvermögen etc.) haben und auch keine $$$ im Ausland. Aber wie sieht es mit der sonstigen Verteilungswirkung aus? Hat das höhere salario minimo den "working poor" unterm Strich und REAL geholfen? Ich habe das Gefühl, dass es dem ärmeren Teil der Bevölkerung zumindest nicht schlechter geht als vor der Pandemie. Aber vielleicht täusche ich mich, und ich habe auch zugegebenermaßen keine Zahlen zum Realeinkommen der unteren Einkommensgruppen gesehen.




Moderatorenhinweis:
Zwei Beiträge wurden in das bestehende Thema „Diskussion zur Erhöhung des Mindestlohnes 2026 um 23 %“ verschoben. Inhaltlich richten sie sich stark auf den Mindestlohn als Inflationstreiber, daher passen sie dort besser zusammen. So bleibt die Diskussion übersichtlich und die Argumente können direkt nebeneinander betrachtet werden.
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s-dedalus
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Beitrag von s-dedalus »

Sorry für die ursprünglich falsche Platzierung meines Beitrags. Durch die Verschiebung ist jetzt der Kontext etwas anders, oben werden ja Inflationswirkungen und Realeinkommen bereits sehr detailliert angesprochen.

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