Sammelthema - News aus der nationalen Presse zu Kolumbien

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Bogotano
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In mehreren Regionen Kolumbiens kam es an diesem Wochenende zu unerwarteten Stromausfällen

Beitrag von Bogotano »

⇒ Letzter Beitrag der vorhergehenden Seite:

Das Thema Lastabwurf ist tatsächlich ein technischer Schutzmechanismus, aber mit E-Autos oder Klimaanlagen hatte der Vorfall am Sonntag in der Kaffeezone eher weniger zu tun, @desertfox.

Kolumbien hat im privaten Sektor so gut wie keine E-Autos – die machen auf den Straßen kaum zwei Prozent aus, und flächendeckende Smart-Meter, die von den Energiekonzernen zentral abgeschaltet werden könnten, gibt es hier im Alltag schlichtweg noch nicht. Der automatische Lastabwurf (Edac) wird von XM dann ausgelöst, wenn im nationalen Netz schlagartig die Frequenz einbricht, weil ein Großkraftwerk oder eine wichtige Fernleitung ungeplant vom Netz geht. Das ist eine automatische Notbremse, um einen landesweiten Blackout zu verhindern, keine geplante Verbrauchssteuerung.

Dass viele Energieunternehmen in tiefen roten Zahlen stecken und vor dem Kollaps stehen, hat einen ganz handfesten politischen Grund, den du komplett ausblendest: Die abgewählte Regierung Petro hat dem Sektor finanziell die Luft abgeschnürt. Der Staat hat über viele Monate hinweg die gesetzlichen Subventionen für die Estratos 1, 2 und 3 schlichtweg nicht an die Elektrolieferanten weitergeleitet. Die Firmen mussten die Rabatte gewähren, bekamen aber das Geld vom Staat nicht erstattet. Zusammen mit den Altlasten der Opciones Tarifarias hat sich da ein milliardenschwerer Schuldenberg aufgetürmt, der den Unternehmen jegliche Liquidität für Wartungen oder Netzausbau raubt.

Den Bogen zur EU und den Staubsaugern würde ich da eher nicht schlagen – das ist eine völlig andere Baustelle. In Kolumbien kämpfen wir nicht mit einer "grünen Wende", sondern mit den akuten Trümmern und der chronischen Unterfinanzierung der bisherigen Energiepolitik.

desertfox
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In mehreren Regionen Kolumbiens kam es an diesem Wochenende zu unerwarteten Stromausfällen

Beitrag von desertfox »

@Bogotano,

das reflexartige Beschuldigen von Pedro hat fast schon System. Glaube mir…, das jetzige Problem ist die Spitze einer seit Jahrzehnten andauernden Politik von Korruption im Energiesektor.
Als ich 1987-88 in Bogota das Nachrichtennetz für den Lastverteiler der damaligen EEEB aufbaute (das Rechner- und Fernsteuersystem kam von ABB, die Nachrichtentechnik, von Siemens) hatten die schon Probleme. Damals wurde mit Weltbankhilfe das Kraftwerk Guavio??? gebaut, Zeitdauer wurde massiv überschritten, Kosten wenn ich mich recht erinnere um das 3 fache. Und jetz bitte kein Whataboutism hinsichtlich BER2 und Stuttgart 21)...
Ich schrieb ja schon, Lastabwurf gab es auch schon unter rechten Regierungen und nichts hat sich verbessert.

Wegen Lastabwurf, ich war 25 Jahr Bauleiter für Schlüsselfertige Lastverteilersysteme…, eine Überlast zieht immer eine Unterfrequenz nach sich und dann springen die Unterfrequenzrelais an, die lösen aber nicht direkt den Lastabwurf aus somdnern melden das dem Rechner in der Zentrale und das machen dann, zumindest bei neueren Systemen, die Rechner nach vorher parametrierten Systematiken. Daher wurde ja auch nur in Teilen von z.B. Bogota der Strom abgeschalten...

OK, das mit E-Autos und Smartzähler war etwas provokativ (und das mit den Staubsaugern schrieb ich ja dass das nichts mit Kolumbien zu tun hat), aber gehört zum Problem dazu.
Die KI meldet:
Der Anteil reiner Elektroautos (BEV) an den Pkw-Neuzulassungen in Kolumbien lag zuletzt bei knapp 20 %. Rechnet man reine Elektroautos und Plug-in-Hybride (PHEV) zusammen, erreichen sie zusammen mit traditionellen Hybriden (HEV) teils über ein Drittel (rund 34 %) des gesamten Automobilmarktes.Der kolumbianische Markt für Elektromobilität verzeichnet damit ein extremes Wachstum, das durch folgende Marktdynamiken geprägt ist:
Starkes Wachstum: Die Verkäufe von Elektrofahrzeugen stiegen im Frühjahr gegenüber dem Vorjahr um über 300 %.

Das Energienetz wurde vor Jahren schon an Ausländische Firmen verschleudert…, da fliesen sicher Unsummen aus dem Land…, und jeder schreit nach Staatlichen Hilfen. Das mit der Weiterleitung der Subventionen ist da sicher auch nur die Spitze des Eisberges auf was sich die Firmen nun berufen. Was mir auch in Bogota aufgefallen ist…, früher waren die Durchlauferhitzer meist mit Gas betrieben, nun werden meist elektrische eingebaut…, auch zusätzliche Last.

Energiesparen ist für viele Kolumbianer ein Fremdwort, der Fernseher (oftmals mehrere in den Wohnnungen) laufen gefühlt 24 Stunden)…, Licht brennt auch tagsüber in den Wohnungen (und nicht jede hat LEDs eingebaut)…
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Bogotano
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Beitrag von Bogotano »

Respekt vor deiner beruflichen Historie beim Aufbau des alten EEEB-Netzes, @desertfox – Siemens und ABB haben damals zweifellos Pionierarbeit geleistet. Aber die technische Struktur von 1987 lässt sich beim besten Willen nicht mit der heutigen, hochkomplexen Realität des nationalen Verbundnetzes (SIN) und der Koordinierung durch XM im Jahr 2026 vergleichen.

Es geht hier auch nicht um ein "reflexartiges Petro-Bashing". Korruption und Verschleppung beim Infrastrukturausbau gab es in Kolumbien unter jeder politischen Couleur, das bestreitet niemand. Aber man muss die Kirche im Dorf lassen: Dass die Energieverteiler heute im Juni 2026 kurz vor der Zahlungsunfähigkeit stehen, ist kein historisches Problem, sondern die direkte Folge einer ganz konkreten und aktuellen Maßnahme. Wenn der Staat den Unternehmen gesetzlich vorschreibt, den ärmeren Estratos Rabatte zu gewähren, die dafür fälligen Ausgleichszahlungen aus dem nationalen Haushalt aber monatelang blockiert, entzieht das dem Markt schlicht die Liquidität. Da "berufen" sich die Firmen nicht auf Ausflüchte, da geht es um das nackte Geld für den täglichen Betrieb und den Einkauf an der Strombörse.

Und zu den elektrischen Duschköpfen: Ja, diese lokalen Aufsätze direkt in der Dusche sind in vielen Wohnungen Standard, weil sie im Bau billiger sind als Gasthermen. Aber das ist eine stetige, kalkulierbare Grundlastentwicklung, die vor allem zu den typischen Stoßzeiten am Morgen anfällt. Wenn XM am Sonntagabend den automatischen Lastabwurf (Edac) befiehlt, reagiert das System auf Sekundenbruchteile eines akuten Netzfehlers (wie eben den plötzlichen Ausfall einer großen Einspeisung) – nicht darauf, dass in Pereira oder Bogotá irgendwo ein Fernseher läuft oder jemand duscht.

desertfox
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Beitrag von desertfox »

Willst Du damit sagen, dass XM befielt in nur einigen wenigen ausgewählten Stadtteilen von Bogota den Strom abzuschalten? Nach welchen Gesichtspunkten wurden die Stadtteile ausgewählt?
Früher wurde rotiert…, jeder Stadtteil 1-2 Stunden…
Die Grundlast ist in Kolumbien zu hoch…, und mit Durchlauferhitzern meine ich nicht die Duschköpfe sondern den Calentador genannten der mit Gas betrieben wurde und nun meist durch elektrische ersetzt wird.
Zur Grundlast, wenn die Erzeugung am Limit ist und nicht mit dem Verbrauch mithalten kann dann führt der Ausfall eines Kraftwerkes zu Problemen….
Selbst die elektrischen Duschköpfe oder Fernseher, multipliziere das mal mit der Anzahl der Einheiten in Bogota, auch wenn es auf wenige Stunden verteilt ist…, da kommt ganz schön was zusammen…
Zur Technik dahinter…, OK, vor 40 Jahren war das Stand der Technik, ich weiss aktuell nicht wer den Lastverteiler von Bogota modernisierte…, aber die prinzipielle Technik / System dahinter ist zum Großteil noch dieselbe…, auch wenn es heute weitre Dinge wir Optimierter Stromfluss (ich kenne nicht den genauen Namen davon auf Deutsch, in Englisch heißt es Optimized Powerflow) z.B. gibt das man früher nicht hatte.
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Bogotano
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Beitrag von Bogotano »

@desertfox: Du verwechselst hier zwei völlig unterschiedliche Szenarien.

Das, was du mit "früher wurde rotiert, jeder Stadtteil 1–2 Stunden" beschreibst, ist ein geplantes Racionamiento (kontrollierte Stromrationierung). Das macht man tagelang im Voraus öffentlich bekannt, wenn die Stauseen leer sind und die reine Erzeugungskapazität monatelang knapp ist. Das betraf Bogotá in der Historie und hat mit dem aktuellen Vorfall nichts zu tun.

Der automatische Lastabwurf (Edac) vom Sonntagabend in der Kaffeezone (nicht Bogotá!) läuft völlig anders ab. Da "befiehlt" XM nicht manuell per Telefon, welches Viertel jetzt mal abgeschaltet wird. Das ist ein automatisches Schutzprogramm im zentralen Rechnersystem. Wenn ein Kraftwerk schlagartig ausfällt, sackt die Netzfrequenz innerhalb von Millisekunden unter den kritischen Wert von 60 Hertz. Wenn das passiert, wirft der Rechner sofort – nach fest einprogrammierten Prioritäten – bestimmte Industriegebiete oder regionale Netze ab, um die Netzstabilität zu retten. Da wird nicht rotiert, da wird im Bruchteil einer Sekunde die Notbremse gezogen, weil sonst das ganze Land im Dunkeln sitzt.

Dass die Gesamtlast durch Calentadores und Fernseher hoch ist, bestreitet niemand – das ist die normale Lastkurve, auf die das Netz ausgelegt ist. Aber ein stabiles Netz fängt diese Kurve ab. Erst wenn durch die finanzielle Schieflage (wie die blockierten Subventionsgelder der Regierung) die Liquidität für Wartungen, Netzausbau und teure Reserve-Einkäufe an der Strombörse fehlt, wird das System so fragil, dass ein einzelner Kraftwerksausfall am Sonntagabend so eine Notbremsung erzwingt.

desertfox
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Beitrag von desertfox »

@Bigoitano,

es steht doch in der Pressemeldung:

In Bogotá und den angrenzenden Gemeinden im Departamento Cundinamarca meldete der Energieversorger Enel Ausfälle in insgesamt 14 Stadtbezirken (unter anderem in Suba, Kennedy und Usaquén) sowie in Vororten wie Soacha und Chía. Neben den privaten Haushalten war auch die Infrastruktur betroffen – ausgefallene Ampelanlagen sorgten im Stadtgebiet für erhebliche Probleme im Verkehrsfluss.

Mit Befehl meinte ich elektronischen Befehl des Rechnersystem, da wird unterschieden zwischen Befehl (Command) zur untergeordneten Stelle) und Melderichtung (Indication) an den Lastverteiler. Sorry, ich denke noch wie in der damaligen Arbeit.
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Bogotano
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Beitrag von Bogotano »

@desertfox: Mea Culpa, den zweiten Absatz mit Bogotá und Enel im News-Bericht hatte ich beim Tippen tatsächlich nicht mehr richtig auf dem Schirm – der Punkt geht ganz klar an dich!

Und bezüglich der Begrifflichkeiten: Alles gut, jetzt verstehe ich genau, was du meintest. Aus Sicht der Systemarchitektur (Command vs. Indication) ist das absolut logisch ausgedrückt. Da haben wir einfach nur von zwei verschiedenen Seiten auf dieselbe Medaille geschaut.

Am Ende des Tages zeigt der Bericht ja leider genau das, was wir beide befürchten: Das Netz steht finanziell wie infrastrukturell auf extrem dünnem Eis, und wenn jetzt im Juni schon die Notbremsen fallen, mag man kaum an das nächste El-Niño-Phänomen im kommenden Jahr denken. Da rollt auf die neue Regierung eine Mammutaufgabe zu.

Schön, dass wir das technisch aufdröseln konnten!