Alltag an der kolumbianischen Karibikküste: Stromabschaltungen zwischen Ankündigung, Chaos und Realität

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Eisbaer
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Alltag an der kolumbianischen Karibikküste: Stromabschaltungen zwischen Ankündigung, Chaos und Realität

Beitrag von Eisbaer »

Wer an die kolumbianische Karibikküste zieht, schätzt das warme Klima, die Gelassenheit und die Lebensfreude der Region. Doch beim Thema Infrastruktur – allen voran bei der Strom- und Wasserversorgung – stößt die europäische Logik rasch an ihre Grenzen. Ein aktuelles Beispiel aus der Departements-Hauptstadt Sincelejo im Departamento Sucre verdeutlicht, wie der lokale Energieversorger AFINIA agiert, warum Ankündigungen oft mehr Verwirrung als Klarheit stiften und wie man sich als Auswanderer am besten darauf einstellt.

Am späten Samstagabend verbreitete der lokale Radiosender Radio Sincelejo ein offizielles Bulletin des Energieversorgers AFINIA: Für den heutigen Sonntag sind von 7:00 bis 16:00 Uhr geplante Wartungsarbeiten an der Substation Boston angekündigt. Betroffen von dieser Maßnahme sind über 60 Stadtviertel – von beliebten Wohngebieten wie Las Peñitas oder Venecia bis hin zum geschäftigen Stadtzentrum. Wer nun jedoch erwartet, dass um 7:00 Uhr pünktlich der Schalter umgelegt wird und das Licht ausgeht, wird häufig überrascht. Auch um 8:00 oder 9:00 Uhr morgens läuft der Strom in vielen betroffenen Vierteln oft noch völlig normal. Gleichzeitig gibt es keinerlei Aktualisierungen darüber, ob sich die Arbeiten verzögern, ob das eigene Quartier vielleicht doch verschont bleibt oder ob der Stromausfall sekündlich bevorsteht.

Diese Unverbindlichkeit ist kein Einzelfall, sondern hat System im Infrastruktursektor der Region. Um sich organisatorisch und rechtlich abzusichern, rufen die Versorgungsunternehmen bevorzugt extrem breite Zeitfenster von acht bis zehn Stunden für riesige Stadtbereiche aus – selbst wenn die eigentliche Wartung vor Ort nur wenige Stunden dauert. Hinzu kommt die technische Komplexität des Stromnetzes, das in viele einzelne Schaltkreise unterteilt ist. Die Techniker schalten diese nacheinander ab oder versuchen, einzelne Quartiere über Ausweichleitungen weiterzuversorgen, solange die Netzkapazität dies zulässt. Fällt zudem spontan an anderer Stelle ein Transformator aus oder bricht die Last wegen der hohen Kälteanforderungen durch Klimaanlagen bei über 35 Grad Celsius zusammen, werden geplante Arbeiten oft kurzfristig abgesagt oder verschoben – meist ohne direkte Entwarnung an die betroffene Bevölkerung.

Für den Alltag der Anwohner bedeutet diese Informationspolitik eine erhebliche Planungsunsicherheit. Man traut sich kaum, die Waschmaschine anzuschalten oder auf dem Induktionskochfeld zu kochen, da der Strom jeden Moment weg sein kann. Zudem hängen in vielen Haushalten die Wasserpumpen direkt am Stromnetz; fällt die Energie aus, bricht kurz darauf auch der Wasserdruck im Haus zusammen. Ohne Ventilatoren oder Klimaanlagen heizen sich die Wohnräume bei den tropischen Temperaturen zudem schnell auf – ein Zustand, der vor allem nachts zur echten Belastungsprobe werden kann.

Um Frust zu vermeiden, gehört ein gewisses Maß an technischer Vorsorge und organisatorischer Autarkie zur Grundausstattung für das Leben an der Küste. Laptops, Mobiltelefone, Powerbanks und Akku-Ventilatoren sollten bei einer Ankündigung umgehend vollständig geladen werden. Ein eigener Wassertank ist ohnehin Pflicht; wer eine elektrische Druckpumpe nutzt, sollte bei Stromwarnungen frühzeitig Eimerweise Brauchwasser für Küche und Sanitäranlagen abfüllen. Auch die Kühlkette im Haushalt lässt sich sichern: Stellen Sie das Gefrierfach vorab auf maximale Kälte, frieren Sie Eiswürfel auf Vorrat ein und halten Sie die Kühlschranktür während der Abschaltung strikt geschlossen. Für empfindliche Elektronik oder das Homeoffice empfiehlt sich zudem die Anschaffung einer unterbrechungsfreien Stromversorgung (USV) oder eines Inverter-Akkusystems, das zumindest die wichtigsten Geräte am Laufen hält.

Wer nach aktuellen Informationen sucht, sollte sich nicht auf die telefonischen Hotlines verlassen – automatisierte Sprachmenüs liefern selten konkrete Auskünfte für das einzelne Viertel. Verlässlicher sind die offiziellen Grafik-Bulletins, die AFINIA auf seinen Social-Media-Kanälen wie X (ehemals Twitter) oder auf der Website unter den geplanten Arbeiten veröffentlicht und die von lokalen Radiostationen aufgegriffen werden.

Letztlich erfordert das Leben an der Karibikküste vor allem eines: Gelassenheit. Zeitangaben in offiziellen Ankündigungen sollte man als möglichen Rahmen und nicht als Garantie verstehen. Bleibt der Strom trotz Ankündigung da, freut man sich über den ungeplanten Komfort – bleibt aber dennoch darauf vorbereitet, dass er jederzeit abgeschaltet werden kann. Wer diese Haltung verinnerlicht, wird mit der Zeit nicht nur ruhiger, sondern auch erfinderischer im Umgang mit den Tücken der lokalen Infrastruktur.


Iván Villazón - Apagando Focos (Video Oficial)


Detalles de la canción:
  • Nombre: "Apagando Focos"
  • Cantante: Iván Villazón
  • Compositor: Julio Oñate Martínez
  • Frase famosa: "Afinia me tiene loco y Air-e me va a matar"
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Carlo
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Alltag an der kolumbianischen Karibikküste: Stromabschaltungen zwischen Ankündigung, Chaos und Realität

Beitrag von Carlo »

Interessant – und gleichzeitig erschreckend. Was du beschreibst, ist die Welt, in der ich gelebt habe, nur eben nicht in dieser Hinsicht.

Ich wohnte jahrelang in einer geschützten Urbanisation bei Cali. Dort gab es keinen Stromausfall. Nie. Nicht einmal, wenn ich mich erinnere. Das war mir so selbstverständlich, dass ich gar nicht wusste, wie privilegiert ich war. Meine damalige Frau hat sichergestellt, dass wir von allem ausgeschlossen waren, was nicht perfekt lief. Kein Wunder, dass ich bis zu den Streiks 2021 gar nicht begriffen habe, wie sehr das Land eigentlich brodelt.

Dass jetzt sogar in der Karibikregion solche Probleme bestehen, kommt für mich als Aussteiger wie eine Offenbarung. Aber genau das ist es ja, was mich am meisten frappiert: Die Blase, in der ich lebte, war kein Zufall. Sie war absichtlich konstruiert. Und dass ich das erst Jahre später, aus der Ferne und durch dieses Forum erkenne, sagt viel über die Art aus, wie manche in Kolumbien leben wollen – oder müssen.

Danke für den realistischen Bericht. So etwas hätte ich damals nie erfahren.

axko
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Alltag an der kolumbianischen Karibikküste: Stromabschaltungen zwischen Ankündigung, Chaos und Realität

Beitrag von axko »

An der Karibikküste von Antioquia sind Stromausfälle eher selten. Wenn schwere Stürme waren kann es zu 1-2 Stunden zu einen Ausfall kommen. Ist aber eher selten. Bei den Wartungsarbeiten ist es ähnlich. Aber einen Ausfall länger als 12 Stunden wegen der Wartung habe ich bis jetzt noch nicht erlebt. Die EPM Antioquia funktionierte auch in den letzten 4 Jahren zuverlässig und wird es wohl auch weiterhin bleiben. :les: