Wer sich fragt, warum in Kolumbien trotz aller Wechsel an der Spitze so vieles beim Alten bleibt, sollte sich die aktuelle Ausgabe von elDiarioAR einmal genauer ansehen. Camilo Sánchez hat dort einen Artikel veröffentlicht, der sich mit einem neuen Buch beschäftigt: "¿Quién manda en Colombia?" (Mediapluma Editorial, 2026), geschrieben von Jenny Pearce und Juan David Velasco Montoya. Die beiden haben fünf Jahre lang recherchiert – und liefern eine Art Röntgenbild der Macht in unserem Land.
Das Ergebnis klingt ernüchternd, ist aber für uns hier im Forum keine Überraschung: Rund 119 Familien und knapp 1000 Personen aus Politik, Wirtschaft und Justiz haben es geschafft, das Land so zu formen, dass es genau ihren Vorstellungen entspricht – und zwar ohne großes Aufsehen. Das Buch beschreibt keine Verschwörung, sondern ein System, das perfekt funktioniert – für die, die es kontrollieren.
Die Autoren zeigen auf, dass die kolumbianischen Eliten durchaus reformwillig sein können – solange die Reformen nicht an den Grundfesten rütteln. Sobald es aber um Landbesitz, Steuerprogression oder das Gewaltmonopol geht, werden die Mauern hochgezogen. Das ist keine Dissonanz, das ist der Bauplan.
Besonders interessant finde ich den Punkt, dass die jahrzehntelange Gewalt in Kolumbien die oberen Schichten kaum erreicht hat. Der Krieg fand in den ländlichen Gebieten statt, in den Peripherien – und traf vor allem die, die ohnehin schon wenig hatten. Die Autoren sprechen von einem "blindaje securitario" – einem Sicherheitsschild, das die Reichen schützt, während die anderen zur Kasse gebeten werden. Da fällt mir die alte samarische Weisheit ein: "El que tiene plata, no paga impuestos; el que no tiene, paga con sangre."
Das Buch deckt auch auf, wie ein gemeinsamer Nenner der Eliten aussieht: Sie halten an einer wirtschaftlichen Orthodoxie fest, die Wachstum bringt – aber nicht für alle. Die Idee eines starken Sozialstaates, wie ihn Europa oder Teile des Südens kennen, blieb in Kolumbien eine Randnotiz. Stattdessen gibt es eine Mischung aus neoliberaler Lehre und gezielten Hilfsprogrammen, die gerade so viel abfangen, dass es nicht brennt. Die Autoren nennen es: "Miseria extrema eindämmen, aber keine Rechte schaffen."
Dass das Buch ausgerechnet jetzt erscheint, ist kein Zufall. Die Autoren sehen in der Amtszeit von Gustavo Petro einen Bruch mit der Vergangenheit – nicht, weil er alles umgekrempelt hätte, sondern weil er begonnen hat, Fragen zu stellen, die vorher gar nicht erlaubt waren: Muss Wachstum immer an erster Stelle stehen? Ist ein höherer Mindestlohn wirklich Gift für die Wirtschaft? Und kann man sich eine Zukunft ohne Öl überhaupt vorstellen?
Das sind keine Antworten, das sind Einladungen zum Nachdenken. Und das ist vielleicht das Wertvollste, was ein Buch in einem Land wie Kolumbien leisten kann. Dass diese Diskussionen jetzt geführt werden, ist ein kleines Verdienst der vergangenen vier Jahre – auch wenn sie nicht in allen Punkten erfolgreich waren.
Ein paar Gedanken fürs Forum:
- Wer sich für das Buch interessiert: Es ist im August 2026 erschienen – und wer die großen Fragen der kolumbianischen Politik verstehen will, kommt daran kaum vorbei.
- Der Artikel in elDiarioAR gibt einen guten ersten Überblick, ohne das Buch zu ersetzen.
- Die Fragen, die das Buch aufwirft, sind genau die, die wir hier immer wieder diskutieren: Warum ändert sich so wenig? Wer profitiert vom Status quo? Und wie könnte ein echter Wandel aussehen?
Wer den ganzen Artikel lesen möchte, findet ihn hier. Wer das Buch auf Spanisch liest, wird feststellen, dass die Autoren ihre Argumente mit konkreten Fallbeispielen untermauern – das geht im Artikel leider oft unter.




