Die harte Wette des neuen Präsidenten – und die 99 Menschen im Regenwald, die es ausbaden

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Eisbaer
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Die harte Wette des neuen Präsidenten – und die 99 Menschen im Regenwald, die es ausbaden

Beitrag von Eisbaer »

Heute möchte ich einen Bericht mit euch teilen, der mich wirklich beschäftigt hat. Er stammt von Bloomberg Línea und zeichnet ein sehr genaues Bild der ersten Schritte der neuen Regierung von Abelardo De la Espriella – und was das für die Menschen in den ländlichen Regionen Kolumbiens bedeuten könnte.

Die Überschrift sagt es schon: "La apuesta de De la Espriella contra los grupos armados pone a prueba la paz en Colombia". Und diese Wette ist hart. Der neue Präsident hat sich vorgenommen, die bewaffneten Gruppen mit einer Offensive zu bekämpfen, wie wir sie seit über zehn Jahren nicht mehr gesehen haben. Das klingt für viele, die der Unsicherheit leid sind, vielleicht verlockend. Aber die Geschichte lehrt uns: In Kolumbien hat jede Großoffensive ihren Preis.

Das Herzstück des Artikels – und das, was mir am meisten zu denken gab – ist die Geschichte von 99 ehemaligen Kämpfern der Gruppe Comandos de la Frontera. Sie leben in einem Lager im Dschungel von Putumayo, einem der ärmsten und von Koka-Anbau geprägten Regionen des Landes. Sie haben sich im Rahmen der Paz Total des Vorgängers Petro entwaffnet – in der Hoffnung auf ein neues Leben. Ihnen wurden Ausbildung, medizinische Versorgung und Hilfe bei der Rückkehr in ein ziviles Leben versprochen.

Und jetzt?

Jetzt sitzen sie da, zwischen Betonbauten im Regenwald, und wissen nicht, ob die neue Regierung sie als ehemalige Kämpfer anerkennt oder sie nach ihrer Rückkehr in die Heimat vielleicht wieder als Feinde betrachtet. Ein 32-jähriger ehemaliger Kämpfer namens Darwin Cuajiboy, der früher selbst in der Armee war, sagt: "Wir haben dem Staat gezeigt, dass wir die Waffen niederlegen können. Aber wir haben Angst, dass die neue Regierung sagt: Das war's."

Und diese Angst ist nicht unbegründet.

Schon in den ersten Tagen nach der Amtsübernahme hat De la Espriella die Armee losgeschickt. Es gab Operationen gegen die ELN, bei denen zwei Rebellen getötet wurden. Die ELN schlug zurück – mit einem Drohnenangriff, bei dem ein Soldat starb und mehrere verletzt wurden. Die Spirale der Gewalt dreht sich also schon wieder. Ein ehemaliger General, Alberto José Mejía, sagt: "Die Regierung muss das Flugzeug reparieren, während es in der Luft ist." Das klingt nach einem schlechten Witz – aber es ist die nackte Realität.

Der Bericht zeigt, dass die bewaffneten Gruppen heute besser ausgerüstet sind denn je. Sie haben Geld aus dem Rekord-Koka-Anbau, sie setzen Drohnen ein, und sie können sogar in den Großstädten zuschlagen. Die Armee hingegen ist geschwächt. Unter Petro haben viele hohe Offiziere ihren Posten verloren, und die internationalen Allianzen – vor allem mit den USA – sind eingerostet. De la Espriella baut also eine Armee auf, während er sie bereits in den Kampf schickt.

Besonders eindrücklich finde ich die beiden Stimmen, die im Artikel zu Wort kommen. Da ist Tatiana Parra, erst 20 Jahre alt. Sie hat mit 13 die Schule abgebrochen, hat zwei Kinder und schloss sich den Comandos an, weil sie dort 2 Millionen Pesos im Monat verdienen konnte – genug, um ihrem ältesten Kind Schule, Uniform und Hefte zu kaufen. Jetzt hofft sie, in ihrer Heimatstadt einen Friseursalon mit ihrem Mann zu eröffnen, der ebenfalls die Waffen abgegeben hat. Sie sagt: "Wir warten darauf, zu sehen, ob sie uns rauswerfen. Der Plan war, dass der Präsident uns hilft."

Die andere Stimme ist Alirio Goyes, 46 Jahre alt, ein ehemaliger Arbeiter auf den Koka-Plantagen. Er sagt: "Da kommt ein Präsident und sagt, er will mehr Krieg – dabei wollen die Leute doch nur Ruhe. Er will alles zerstören, was wir hier in Putumayo haben, wo der Koka-Anbau die einzige Einnahmequelle ist."

Und dann ist da noch die internationale Dimension. De la Espriella hat sich klar auf die Seite von Donald Trump geschlagen. Die USA haben bereits die Militärhilfe reduziert, aber jetzt geht es um eine neue Sicherheitsallianz, den "Escudo de las Américas". Es geht um Bodenschätze, um Öl, um Fracking – und um harte Hand gegen den Drogenhandel. Der neue Präsident will sogar die umstrittene Luftfumigation mit Herbiziden gegen die Koka-Plantagen wieder aufnehmen.

Das ist ein radikaler Kurswechsel. Und wie so oft in Kolumbien wird die Rechnung denen präsentiert, die ohnehin schon am wenigsten haben. Die armen Bauern in Putumayo, die ehemaligen Kämpfer, die eine zweite Chance wollten – sie sind es, die im Zweifel wieder in den Konflikt hineingezogen werden. Ein Viehzüchter aus der Region namens Diego Orozco Gómez, der De la Espriella unterstützt hat, sagt dazu fast prophetisch: "Die Armee wird hart durchgreifen. Wir wissen, dass das eine schwierige Zeit bedeutet. Aber ich hoffe, dass wir danach in Frieden leben können." Er hofft auf eine "Friedensdividende" – aber der Preis dafür wird hoch sein.

Der Bericht endet mit einem Bild, das mir im Kopf geblieben ist: Im Lager der ehemaligen Kämpfer haben sie ein improvisiertes Fitnessstudio – mit Betonplatten, die sie als Gewichte benutzen. Sie spielen Fußball, sie besuchen Kurse. Sie warten. Und der Autor des Artikels fragt sich: Was wird aus ihnen? Werden sie zur alten Gewalt zurückkehren, wenn ihnen der Staat erneut die Tür vor der Nase zuschlägt?

Das ist die große Frage, die uns in diesem Land seit Jahrzehnten begleitet. Und sie wird unter De la Espriella nicht einfacher.

Ich empfehle euch, den ganzen Artikel zu lesen, wenn ihr die Zeit habt. Er zeigt sehr klar, dass Sicherheitspolitik nicht nur eine Frage von Militärstrategie ist – sondern auch eine Frage von Menschlichkeit, von Perspektiven und von der Frage, wen wir als Staat im Stich lassen.

Wer sich für die lokale Realität Kolumbiens interessiert – jenseits der großen Politik in Bogotá –, findet hier viele Antworten und noch mehr Fragen.

Und wie immer freue ich mich auf eure Gedanken und Erfahrungen dazu.



Link zum Pressebericht in Spanisch =>
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