Gewalt, Stigma und Schweigen: Der hohe Preis des Journalismus in Kolumbien

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Eisbaer
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Gewalt, Stigma und Schweigen: Der hohe Preis des Journalismus in Kolumbien

Beitrag von Eisbaer »

Kolumbien gehört seit vielen Jahren zu den gefährlichsten Ländern Lateinamerikas, wenn nicht sogar weltweit, für Menschen, die investigativ oder kritisch über Machtstrukturen, organisierte Kriminalität und Korruption berichten. Der Titel eines kürzlich erschienenen Berichts bringt die drei zentralen Mechanismen schonungslos auf den Punkt: Violencia, estigma y silencio – Gewalt, Stigmatisierung und erzwungenes Schweigen.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens mit der FARC 2016 wurden laut verschiedenen Journalist*innenverbänden (FLIP, Reporter ohne Grenzen, CPJ) mindestens über 200 Medienschaffende getötet, bedroht, angegriffen oder zur Flucht gezwungen – die überwiegende Mehrheit davon Lokaljournalist*innen in den Regionen. Besonders betroffen sind dabei Departements wie Cauca, Norte de Santander, Arauca, Chocó, Antioquia und Valle del Cauca.

Die Täterstruktur hat sich in den letzten Jahren deutlich diversifiziert und gleichzeitig verkompliziert:
  • Restgruppen der FARC (sog. „disidencias“)
  • ELN (Ejército de Liberación Nacional)
  • Clan del Golfo / Autodefensas Gaitanistas
  • Mexikanische Drogenkartelle (Sinaloa, Jalisco Nueva Generación) und deren lokale Partner
  • Korrupte lokale und regionale politische Strukturen
  • Illegale Minenbetreiber (Gold, Coltan)
  • Privatarmeen von Agrarunternehmern und Großgrundbesitzern
Die Gewalt folgt meist einem bekannten Muster: erst Drohungen (per Telefon, WhatsApp, Flugblätter, Graffiti), dann direkte Attacken auf die Person oder das Medium (Brandanschläge auf Sender, Schüsse auf Büros, Ermordung von Familienangehörigen), schließlich – wenn der Druck nicht ausreicht – die physische Liquidierung.

Parallel dazu läuft eine sehr wirksame Stigmatisierungskampagne. Journalist*innen werden als „Mundstücke der Guerrilla“, „Söldner der NGO“, „Unterstützer des Drogenhandels“ oder „Verräter des Vaterlandes“ öffentlich diffamiert – oft von Politikern der regionalen und nationalen Ebene, manchmal sogar von hochrangigen Regierungsvertretern. Diese öffentliche Delegitimierung erleichtert es später, die Tötung zu rechtfertigen oder zumindest gesellschaftlich zu entschärfen.

Das Ergebnis ist ein massiver Selbstzensur-Effekt. Viele lokale Medien berichten inzwischen nur noch über Themen, die als „sicher“ gelten: Wetter, Sport, Kulturveranstaltungen, lokale Feste. Korruption, Massaker an sozialen Führern, illegale Landnahme, Verstrickungen zwischen Politik und Drogenwirtschaft oder Menschenrechtsverletzungen durch staatliche Sicherheitskräfte werden immer seltener thematisiert – gerade dort, wo die Informationen am dringendsten gebraucht würden.

Viele Kolleg*innen, die weitermachen, zahlen einen hohen persönlichen Preis:
  • Permanente Ortswechsel innerhalb des Landes
  • Leben mit ständiger Leibwache (falls diese überhaupt genehmigt wird)
  • Familien, die in andere Städte oder ins Ausland geschickt werden
  • Massive psychische Belastung
  • Finanzielle Prekarität, da viele bedrohte Medien kaum noch Werbeeinnahmen generieren
Trotz alledem gibt es weiterhin mutige Stimmen: kleine digitale Medien, Kollektive junger Journalist*innen, indigene und afro-kolumbianische Medienhäuser sowie einige wenige größere überregionale Medien, die versuchen, die Lücke zu schließen.

Der Preis des Journalismus in Kolumbien ist hoch – und wird weiter steigen, solange Gewalt, Straflosigkeit und gesellschaftliche Akzeptanz dieser Gewalt gleichzeitig bestehen bleiben. Die Formel ist brutal einfach: Wo kritische Berichterstattung systematisch gefährlich gemacht wird, entstehen Informationswüsten – und in Informationswüsten gedeihen Machtmissbrauch, organisierte Kriminalität und Korruption besonders gut.

Ein Land, das seine Journalist*innen nicht schützt, schützt letztlich auch seine Demokratie nicht.
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