Kontroverse in Medellín: Ein Buch über die M-19 sorgt für politischen Zündstoff

TV, Kino, Bücher, Persönlichkeiten und alles was zum Thema passt.
Aufrufe: 112 Antworten: 1 Lesezeichen: 0 Abonnenten: 0
Benutzeravatar

Themenstarter
Eisbaer
Moderator(in)
Moderator(in)
Offline
Beiträge: 10450
Registriert: 10. Juli 2009, 05:34

Kontroverse in Medellín: Ein Buch über die M-19 sorgt für politischen Zündstoff

Beitrag von Eisbaer »

Bild

Die politische Stimmung in Kolumbien ist zurzeit ohnehin aufgeheizt, doch ein aktueller Vorfall in Medellín zeigt nun deutlich, wie tief die Gräben bei der Aufarbeitung der jüngeren Geschichte des Landes wirklich sind. Im Mittelpunkt steht das neue Buch El M-19. De la guerra a la política, das die Entwicklung der ehemaligen Guerillabewegung hin zu einer politischen Kraft analysiert. Eine geplante Präsentation des Werkes in den Räumlichkeiten der öffentlichen Bibliotheken von Medellín wurde kurzfristig durch den Bürgermeister Federico Gutiérrez unterbunden.

Das im Verlag Desde Abajo erschienene Werk bietet eine umfassende Untersuchung des M-19. Es beleuchtet den Weg einer Organisation, die nach dem Friedensabkommen von 1990 die Waffen niederlegte und maßgeblich an der Gestaltung der kolumbianischen Verfassung von 1991 beteiligt war. Für Wissenschaftler und historisch Interessierte ist es ein wichtiges Dokument, um den Übergang von bewaffneten Gruppen in den demokratischen Prozess zu verstehen – ein Thema, das angesichts des aktuellen Präsidenten Gustavo Petro, selbst ein ehemaliges Mitglied des M-19, eine ganz neue Relevanz gewonnen hat.

Die Entscheidung von Bürgermeister Federico Fico Gutiérrez, die Buchvorstellung in den städtischen Bibliotheken (Sistema de Bibliotecas de Medellín) abzusagen, hat eine landesweite Debatte ausgelöst. Gutiérrez rechtfertigte diesen Schritt damit, dass öffentliche Räume der Stadt nicht für die Idealisierung von Gruppen genutzt werden sollten, die dem Land Leid zugefügt haben. Er betonte, dass er zwar die Meinungsfreiheit respektiere, aber keine Plattform für Inhalte bieten wolle, die seiner Ansicht nach die Geschichte einseitig darstellen könnten.

Der Autor des Buches, der Historiker und Journalist Otty Patiño, reagierte mit deutlicher Kritik auf die Absage. Er bezeichnete das Vorgehen des Bürgermeisters als enorme Verantwortungslosigkeit und einen Akt der Zensur. Laut Patiño sei es die Aufgabe von Bibliotheken, den Dialog und die akademische Auseinandersetzung zu fördern, anstatt den Zugang zu historischer Forschung zu beschneiden. Er betonte zudem, dass das Buch eine kritische Aufarbeitung darstelle und keine Verherrlichung der Gewalt sei. Auch Präsident Petro schaltete sich in die Diskussion ein und kritisierte das Verbot als Einschränkung der kulturellen und akademischen Freiheit.

Dieser Vorfall zeigt einmal mehr, dass die Geschichte des M-19 auch Jahrzehnte nach der Demobilisierung ein hochemotionales Thema bleibt. Während die einen in dem Buch eine notwendige historische Dokumentation sehen, betrachten andere solche Veröffentlichungen als Provokation gegenüber den Opfern des Konflikts. In jedem Fall hat die Absage in Medellín das Gegenteil von dem bewirkt, was vielleicht beabsichtigt war: Das Interesse an dem Buch und der Debatte über die Rolle des M-19 in der kolumbianischen Politik ist nun größer denn je.

Was haltet ihr von solchen Verboten? Sollten öffentliche Bibliotheken neutral bleiben oder müssen sie auch umstrittene historische Analysen zulassen, um einen Diskurs zu ermöglichen?
Du bist mit unserer Hilfe zufrieden! Dann hilf bitte mit einer kleinen » Spende « Danke und Vergelt's Gott!