Die Zeitschrift Cambio hat einen bemerkenswerten Artikel veröffentlicht, der sich mit dem Familienbild beschäftigt, das Präsident Abelardo De la Espriella vertritt – und der Frage, ob dieses Bild überhaupt noch zur Realität der kolumbianischen Haushalte passt. Der Titel lautet: "El modelo de familia que defiende el presidente De la Espriella: ¿un espejismo en Colombia?"
Es geht um die Frage: Wie leben die Menschen in Kolumbien wirklich – und wie weit ist dieses Leben von der Vorstellung entfernt, die der neue Präsident von einer "traditionellen Familie" hat?
Die Botschaften des Präsidenten
Schon in den ersten Tagen seiner Amtszeit hat De la Espriella drei deutliche Signale gesendet, die zeigen, wie wichtig ihm dieses Thema ist.
Erstens: Seine Frau, Ana Lucía Pineda, hat eine zentrale Rolle bei der Koordinierung der Hilfsmaßnahmen nach dem verheerenden Erdbeben übernommen. Sie leitet die Kampagne "Colombia, un solo corazón" und koordiniert die Hilfslieferungen – nicht das Katastrophenschutzamt, nicht der Vizepräsident, sondern die First Lady. Das ist ein bewusstes Signal: Die Familie, die Ehefrau an der Seite des Präsidenten, steht im Mittelpunkt.
Zweitens: Der Minister für Wohnungsbau, Jaime Andrés Beltrán, wurde während der Erdbebenkrise dabei fotografiert, wie er in Santa Marta am Strand lag. Seine Rechtfertigung? Er sei nicht nur Minister, sondern auch Vater und Ehemann, und es sei wichtig, "als Vater präsent zu sein". Der Präsident akzeptierte diese Erklärung und ernannte ihn sogar noch zum Leiter des Wiederaufbauplans.
Drittens: Die Abberufung von Carlos Sepúlveda, einem hochqualifizierten Ökonomen, der zum Leiter des Nationalen Planungsamtes (DNP) ernannt werden sollte. Laut dem Portal La Silla Vacía wurde seine Berufung zurückgezogen, weil er in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung lebt und ein adoptiertes Kind hat. Das ist ein schwerer Vorwurf – und er zeigt, dass die Regierung bereit ist, fachliche Kompetenz hinter eine politische und kulturelle Agenda zurückzustellen.
Die Zahlen sprechen eine andere Sprache
Nun kommen wir zu dem Teil, der mich besonders interessiert hat. Der Artikel stellt den Diskussionen der Regierung nämlich die harten Fakten gegenüber – und die sind eindeutig.
Die kolumbianische Gesellschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert. Die Statistikbehörde Dane hat Daten veröffentlicht, die das belegen:
- Haushalte mit beiden Elternteilen (biparental) machen heute nur noch 51,3 Prozent aller Haushalte aus.
- Alleinerziehende Haushalte (monoparental) sind es 24,3 Prozent.
- Einpersonenhaushalte sind auf 20,2 Prozent gestiegen – 2019 waren es noch 17 Prozent.
- Es gibt offiziell über 48.000 Haushalte mit gleichgeschlechtlichen Paaren – Schätzungen gehen sogar von bis zu 100.000 aus.
Eine Spaltung, die sichtbar wird
Was mich an diesem Bericht besonders nachdenklich stimmt, ist die Art und Weise, wie diese unterschiedlichen Vorstellungen aufeinanderprallen. De la Espriella hat die Verteidigung der "traditionellen Familie" zu einem Kernpunkt seiner Kampagne gemacht – und das hat ihm geholfen, die konservativen Wähler hinter sich zu vereinen, selbst solche, die vielleicht eher Paloma Valencia zugeneigt waren. Die Erzählung vom "traditionellen Familienmodell" war für viele offenbar wichtiger als technokratische Versprechen.
Auf der anderen Seite stehen Menschen wie die ehemalige Bürgermeisterin von Bogotá, Claudia López, die während des Wahlkampfs für eine pluralistischere, diversere Vorstellung von Familie warb. Sie wurde klar abgewählt – aber das ändert nichts an der Tatsache, dass ihre Vorstellung von Familie für eine große Anzahl von Kolumbianern bereits gelebte Realität ist.
Meine Gedanken dazu
Wenn ich mir das so ansehe, frage ich mich: Wie kann eine Regierung glaubwürdig Politik für ein Land machen, dessen soziale Realität sie offenbar nicht anerkennen will? Die Familien in Kolumbien sind nicht mehr das, was sie vor 50 Jahren waren. Es gibt alleinerziehende Mütter, die jeden Morgen in den Bus steigen, um ihre Kinder durchzubringen. Es gibt junge Leute, die sich bewusst gegen Kinder entscheiden – weil sie es sich nicht leisten können oder weil sie andere Prioritäten haben. Es gibt gleichgeschlechtliche Paare, die sich wünschen, dass ihr Staat sie genauso respektiert wie andere Familien. Und es gibt Millionen von Menschen, die in Einpersonenhaushalten leben – nicht aus Egoismus, sondern weil sich ihr Leben so entwickelt hat.
Die Verfassung von 1991, erkennt längst an, dass es verschiedene Formen von Familie gibt. Die Gerichte haben das bestätigt. Aber die neue Regierung scheint entschlossen, die Zeit zurückzudrehen – zumindest symbolisch.
Ein offenes Ende
Der Artikel endet mit einer Frage, die ich gerne an euch weitergebe: Wird diese Regierung ihre Vorstellung von der "traditionellen Familie" in konkrete Politik umsetzen? Oder wird sie, wie es so oft in Kolumbien der Fall ist, irgendwann von der Realität eingeholt werden?
Ich weiß es nicht. Aber ich finde, es ist wichtig, über diese Fragen zu sprechen. Denn Politik ist nicht nur Sicherheit, nicht nur Wirtschaft, nicht nur der Kampf gegen Drogen. Politik ist auch die Frage, wie wir miteinander leben wollen – und wen wir als Teil unserer Gesellschaft anerkennen.
Wer den ganzen Artikel lesen möchte, findet ihn bei Cambio online. Ich kann ihn nur empfehlen – er ist eine gute Ergänzung zu den Diskussionen, die wir hier führen.
Und wie immer: Ich bin gespannt auf eure Meinungen und Erfahrungen.




