Petro trifft Westcol – Strategischer Geniestreich oder politischer Abstieg?

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Eisbaer
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Petro trifft Westcol – Strategischer Geniestreich oder politischer Abstieg?

Beitrag von Eisbaer »

Ich verfolge in der kolumbianischen Presse gerade intensiv die Diskussionen um das Treffen zwischen Präsident Gustavo Petro und dem Streamer Westcol. Für alle, die es nicht mitbekommen haben: Der Präsident hat einen der erfolgreichsten (und umstrittensten) Content Creator des Landes in den Palast eingeladen, um über Sicherheit, Jugend und die Zukunft Kolumbiens zu debattieren.

Ich frage mich, wie ihr das seht?

Einerseits könnte man sagen: Hut ab, Petro erreicht so eine junge Zielgruppe, die sich normalerweise null für Politik interessiert. Er geht dorthin, wo die Menschen sind, anstatt nur in steifen TV-Interviews zu sitzen.

Andererseits gibt es viel Kritik: Westcol ist für seine oft derben Sprüche und recht eigenwilligen Ansichten bekannt. Viele fragen sich, ob ein Präsident sich auf dieses Niveau begeben sollte oder ob er damit das Amt beschädigt. Besonders die Diskussionen über das Recht auf Selbstverteidigung und Petros Kommentare zu Antioquia schlagen gerade hohe Wellen.

Ist das moderne Politik oder nur eine billige Show für Klicks? Ich bin gespannt auf eure Meinungen – vor allem von denen, die schon länger in Kolumbien leben und diesen Wandel der politischen Kultur beobachten.

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Bogotano
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Petro trifft Westcol – Strategischer Geniestreich oder politischer Abstieg?

Beitrag von Bogotano »

Ich sehe das Ganze eher pragmatisch-opportunistisch. Man darf nicht vergessen, Westcol ist kein politischer Aktivist, sondern ein Geschäftsmann, der von Reichweite lebt.

Dass Petro ihn in die Casa de Nariño einlädt, war ein klarer Versuch, die junge Wählerschaft kurz vor den Präsidentschaftswahlen im Mai zu mobilisieren, immerhin saßen da über zwei Millionen Leute im Livestream zu. Aber der Schuss könnte nach hinten losgehen. Westcol hat Petro bei den Themen Sicherheit und Bildung teils ganz schön auflaufen lassen.

Viel spannender finde ich aber die aktuelle Meldung, dass sich Westcol nun auch noch mit Álvaro Uribe treffen wird. Das Ganze wird im Netz schon massiv angekündigt und soll knapp zwei Wochen vor dem Wahltermin stattfinden.

Meine Meinung dazu: Westcol spielt beide Seiten gegeneinander aus und lässt sich von keiner Seite wirklich vereinnahmen. Für die Politiker ist er der Türöffner zu einer Generation, die keine Zeitung mehr liest. Für Westcol selbst ist es das ultimative Content-Gold. Am Ende gewinnen die Klicks, aber ob das der politischen Kultur in Kolumbien guttut, wage ich zu bezweifeln. Es wirkt eher wie der Einzug des "Polit-Entertainments" nach US-Vorbild.

Carlo
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Petro trifft Westcol – Strategischer Geniestreich oder politischer Abstieg?

Beitrag von Carlo »

Moinsen,

ich kenne Westcol jetzt nicht persönlich, aber wer in Antioquia lebt, kommt an dem Typen ja kaum vorbei. Ich muss ehrlich sagen, mein Fall ist er absolut nicht. Seine ganze Art und diese oft grenzwertigen Auftritte haben mir noch nie gefallen, und ich kann mit diesem modernen Streaming-Hype wenig anfangen.

Aber man muss der Realität ins Auge blicken, der Junge weiß leider genau, wie er sich vermarktet. Dass er vor zwei Wochen noch bei Petro im Palast saß und jetzt das große Treffen mit Uribe ankündigt, ist schon ein starkes Stück. Ich glaube, für viele junge Leute hier ist Westcol viel greifbarer als jeder klassische Politiker.

Ob er am Ende Uribes Ass im Ärmel ist? Gut möglich! Kurz vor der Wahl im Mai ist das Timing auf jeden Fall perfekt gewählt. Ich bin echt gespannt, ob Uribe es schafft, ihn für seine Zwecke einzuspannen. Am Ende ist es wahrscheinlich einfach die neue, etwas schrille Art von Wahlkampf – viel Show, wenig Inhalt. Mir persönlich wäre ja ein sachliches Programm lieber, aber danach fragt heute wohl keiner mehr.