Kolumbien vor den Wahlen 2026 – Wer kann Petro beerben?

Forum für politische Information und Kommunikation rund um Kolumbien ... die Freiheit des Wortes!
Forumsregeln
Gesundheitswarnung: Dies ist nur ein Internet-Forum. Wer auf Dauer mit konträren oder mißliebigen Meinungen nicht umgehen kann, sollte eine Zeit lang hiervon Abstand nehmen. Das wirkliche Leben findet vor der Haustüre statt. Dort befindet sich auch die notwendige "frische Luft". Admin
Aufrufe: 2789 Beiträge: 57 Lesezeichen: 0 Abonnenten: 3
Benutzeravatar

Bogotano
Verified
Kolumbien-Süchtige(r)
Kolumbien-Süchtige(r)
Offline
Beiträge: 612
Registriert: 26. April 2011, 21:53

Kolumbien vor den Wahlen 2026 – Wer kann Petro beerben?

Beitrag von Bogotano »

⇒ Letzter Beitrag der vorhergehenden Seite:

@coentros, ich schätze deine ehrliche und realistische Sichtweise sehr. Dass du das Dilemma des „weniger katastrophalen Kandidaten“ ansprichst, beschreibt genau die Zwickmühle, in der wir morgen stecken.

Du hast völlig recht: Die Sicherheitslage unter Uribe hat sich damals verbessert – weniger Morde, weniger Entführungen, mehr Bewegungsfreiheit. Das ist kein Mythos, das ist dokumentiert. Und ja, die paz total ist gescheitert. Das geben inzwischen sogar ihre eigenen Verantwortlichen zu.

Aber – und hier kommen wir zum Kern – die falsos positivos waren keine Betriebsunfälle. Das waren systematische Verbrechen, für die bis heute kaum jemand zur Rechenschaft gezogen wurde. Und genau deshalb ist es für mich kein Zeichen von „dazugelernt“, wenn Paloma Valencia Álvaro Uribe als Verteidigungsminister ins Spiel bringt. Es ist das Gegenteil: Es ist die Ankündigung, dass man die alte Doktrin einfach neu auflegt – inklusive der Risiken, die wir schon kennen.

Du sagst: Es gibt keinen 100% sauberen Weg. Jede wirksame Strategie hat Kollateralschäden. Auch das sehe ich so. Aber die Frage ist doch: Welche Kollateralschäden sind wir bereit zu akzeptieren? Und genau hier unterscheiden sich die drei Kandidaten.

Cepeda riskiert, dass die Gewalt weiter ungebremst wächst – weil Verhandlungen ohne Druck ins Leere laufen. De la Espriella riskiert eine Explosion der Gewalt im ländlichen Raum – weil militärische Härte ohne soziale Präsenz die Gruppen nur vertreibt, aber nicht besiegt. Valencia riskiert eine Rückkehr zu den dunklen Methoden der Vergangenheit – inklusive neuer falsos positivos, wenn der Druck auf die Streitkräfte wieder steigt.

Was fehlt, ist ein vierter Weg: Einer, der Härte gegen Kriminelle mit sozialer Präsenz des Staates verbindet. Genau das hat Sergio Fajardo in Medellín vorgemacht – mit den Parques Biblioteca, mit Bildung, mit der Rückeroberung der Territorien. Nicht nur Knüppel, sondern auch Perspektive. Leider steht dieser Ansatz morgen nicht auf dem Zettel.

Also ja: Wir wählen morgen nicht die Ideallösung. Wir wählen die Art von Problemen, mit denen wir die nächsten vier Jahre leben wollen. Das ist meine bittere Wahrheit für dieses Wochenende.

Gehen wir trotzdem wählen – mit offenen Augen. Und hoffen wir, dass das Land, das wir beide schätzen, den diesmal nicht ganz so falschen Weg nimmt.

Ruhiges und sicheres Wahlwochenende allerseits!

Dolfi
Verified
Kolumbien-Süchtige(r)
Kolumbien-Süchtige(r)
Offline
Beiträge: 975
Registriert: 10. November 2009, 14:50

Kolumbien vor den Wahlen 2026 – Wer kann Petro beerben?

Beitrag von Dolfi »

Das finde ich auch ermutigend, dass Kolumbien nie eine Diktatur gewesen ist wie viele der Nachbarländer, bei allen Problemen.

In Demokratien lassen sich immer noch am ehesten Lösungen finden.

coentros
Verified
Kolumbienfan
Kolumbienfan
Offline
Beiträge: 388
Registriert: 22. Juni 2014, 22:59

Kolumbien vor den Wahlen 2026 – Wer kann Petro beerben?

Beitrag von coentros »

@Bogotano, ich bin völlig bei Dir. Habe einige YouTube videos und Interviews mit Sergio Fajardo gesehen. Leider steht er nicht zur Verfügung. Leider gibt es keinen Bewerber der für einen vierten Weg steht. Leider wurden viele Verbrecher in Kolumbien nicht verurteilt. Die Hoffnung stirbt zuletzt, in der Tat. Ich hoffe sehr, dass Kolumbien einen Weg findet nach vorne zu kommen, bei der inneren Sicherheit und wirtschaftlich.

Um hier noch ganz kurz eine andere Facette zu erwähnen. Fajardo wird in Kürze 70 Jahre alt. Dieser merkwürdige Trend, dass Politiker im Lebensalter von über 70 an der Macht sind (Merz, Putin, Jingping, Trump, letzterer fast 80. In DE soll Kubicki mit 74 nun die FDP wiederbeleben...) halte ich ansonsten auch für völlig daneben.
Benutzeravatar

Bogotano
Verified
Kolumbien-Süchtige(r)
Kolumbien-Süchtige(r)
Offline
Beiträge: 612
Registriert: 26. April 2011, 21:53

Kolumbien vor den Wahlen 2026 – Wer kann Petro beerben?

Beitrag von Bogotano »

@coentros, dann sind wir uns im Kern ja einig. Dass die Hoffnung zuletzt stirbt, ist vermutlich die Grundvoraussetzung, um in diesem wunderschönen, aber komplizierten Land zu leben.

Dein Punkt mit dem Alter der Politiker ist berechtigt – und ich sehe das genauso kritisch. Die weltweite Tendenz, dass immer mehr Siebzig- und Achtzigjährige die Geschicke lenken, ist kein gutes Zeichen für Erneuerung. Aber bei Fajardo muss ich eine Lanze brechen: Mit 70 wäre er nicht älter als viele andere – und wichtiger: Er bringt etwas mit, was in jeder Altersgruppe selten ist: administrative Erfahrung, akademische Besonnenheit und eine klare, gewaltfreie Sprache. Das ist kein Argument für Überalterung, sondern für Qualität. Leider steht er nicht zur Wahl.

Im Kern hast du recht: Kein idealer Kandidat, kein vierter Weg, viele ungesühnte Verbrechen. Aber wir sind hier, wir schauen hin, und morgen entscheiden die Kolumbianer.

Also: Analysen sind gemacht, Positionen ausgetauscht. Schauen wir, was die Urne bringt.

Ich trinke jetzt erst mal einen Tinto – und wünsche allen einen ruhigen, besonnenen Wahlsonntag, egal, wie die Entscheidung ausfällt.
Benutzeravatar

Themenstarter
Eisbaer
Moderator(in)
Moderator(in)
Offline
Beiträge: 10476
Registriert: 10. Juli 2009, 05:34

Erste Runde der Präsidentschaftswahlen 2026 – Stimmauszählung läuft

Beitrag von Eisbaer »

Die Wahllokale im gesamten nationalen Territorium haben pünktlich um 16:00 Uhr (Ortszeit) geschlossen. Die Registraduría Nacional del Estado Civil hat umgehend mit dem Preconteo und der Übermittlung der ersten offiziellen Boletines begonnen.

Wie sich bereits bei den ersten ausgezählten Tischen abzeichnet, könnte der Wahlabend durchaus einige Überraschungen bereithalten, die von den vorherigen Umfragen abweichen. Die Auszählung läuft landesweit auf Hochtouren.

Für alle, die die aktuellen Entwicklungen, Hochrechnungen und die Stimmenverteilung für die Stichwahl im Juni in Echtzeit mitverfolgen möchten, steht hier der offizielle Live-Ticker zur Verfügung:

Quelle: El Tiempo

Wir bitten alle Mitglieder, im weiteren Verlauf der Diskussion sachlich zu bleiben und die offiziellen Ergebnisse abzuwarten.
Du bist mit unserer Hilfe zufrieden! Dann hilf bitte mit einer kleinen » Spende « Danke und Vergelt's Gott!
Benutzeravatar

Themenstarter
Eisbaer
Moderator(in)
Moderator(in)
Offline
Beiträge: 10476
Registriert: 10. Juli 2009, 05:34

Kolumbien vor der Stichwahl: Zwei extreme Gegenpole im Kampf um das Präsidentenamt

Beitrag von Eisbaer »

So, die Würfel sind gefallen – und Kolumbien steht vor einer Stichwahl, die es in dieser Zuspitzung noch nicht gesehen hat. Abelardo de la Esprilla und Iván Cepeda gehen ins Balotaje am 21. Juni. Zwei absolute Gegensätze, zwei politische Extreme, und die Mitte liegt am Boden – mit knapp 7% für Paloma Valencia und noch weniger für alle anderen.

De la Espriella hat am Ende tatsächlich knapp 44% geholt, Cepeda etwas unter 41%. Das ist ein überraschendes Ergebnis, denn viele Umfragen sahen Cepeda vorne – aber offenbar haben die Leute, die Sicherheit über alles stellen, am Sonntag klar gemacht, wo sie stehen. De la Espriella mit seiner harten Law-and-Order-Rhetorik, den Megagefängnissen und dem Outsider-Image hat die Rechtspopulisten erfolgreich hinter sich vereint. Paloma Valencia, die viele als die „etablierte“ Rechte sahen, ist mit knapp 7% abgestraft worden – ein deutliches Signal, dass die Wähler dieses Mal keinen abgestuften Uribismus wollten, sondern die radikale Version gleich direkt.

Auf der anderen Seite steht Cepeda, der Menschenrechtsaktivist und Erbe der linken Tradition. Er hält an der Friedenspolitik fest, will weiter verhandeln, setzt auf soziale Gerechtigkeit. Aber die Bilanz der paz total unter Petro ist dünn – die Gewalt ist nicht weniger geworden, die Gruppen haben aufgerüstet. Cepeda hat es trotzdem auf 41% gebracht. Das zeigt, dass es immer noch ein starkes linkes Fundament gibt, vor allem in den armen städtischen Rändern und bei denjenigen, die an einen verhandelten Frieden glauben.

Die große Geschichte dieses Wahlabends ist aber das Verschwinden der Mitte. Fajardo, Galán, Paloma Valencia – alle wurden von den Extremen regelrecht zerrieben. Kein Wunder, dass die Wahlbeteiligung nur bei etwas über 50% lag. Viele haben sich wohl gefragt: Wozu hingehen, wenn ich zwischen zwei Lagern wählen muss, die beide nicht meins sind?

Jetzt beginnt der Kampf um die Wähler der ausgeschiedenen Kandidaten. De la Espriella wird versuchen, die Anhänger von Paloma Valencia zu sich zu ziehen – das sind fast 7% der Stimmen, die jetzt frei sind. Cepeda wird versuchen, die Moderaten zu überzeugen, die sich noch nicht festgelegt hatten. Die kommenden drei Wochen werden laut, schmutzig und emotional. Das ist sicher.

Mein Gefühl: Die Polarisierung wird sich noch zuspitzen. Wer am Ende gewinnt, hängt davon ab, ob die Mitte sich widerwillig einem der Extreme anschließt – oder ob sie zu Hause bleibt. Und genau das ist das Problem, über das wir hier die ganze Zeit diskutiert haben: Ein Land, das sich nur noch zwischen zwei Übeln entscheiden kann, hat eigentlich schon verloren.

Trotzdem: Die Entscheidung ist gefallen. Jetzt heißt es, genau hinzuschauen bis zum 21. Juni. Und zu hoffen, dass das Land, das wir alle schätzen, am Ende nicht den komplett falschen Weg nimmt.
Du bist mit unserer Hilfe zufrieden! Dann hilf bitte mit einer kleinen » Spende « Danke und Vergelt's Gott!
Benutzeravatar

Themenstarter
Eisbaer
Moderator(in)
Moderator(in)
Offline
Beiträge: 10476
Registriert: 10. Juli 2009, 05:34

Nach dem 7-Prozent-Debakel: Das uribistische Lager läuft geschlossen zu De la Espriella über

Beitrag von Eisbaer »

Es hat keine zwölf Stunden gedauert, bis nach dem historischen Debakel der politischen Mitte und des etablierten Uribismus am Sonntagabend die Masken gefallen sind. Wer geglaubt hatte, dass das Lager um Ex-Präsident Álvaro Uribe und seine krachend gescheiterte Kandidatin Paloma Valencia nach dem mageren 7-Prozent-Ergebnis erst einmal in sich gehen würde, sieht sich gewaltig getäuscht. Die nackte Angst vor einem linken Präsidenten Iván Cepeda hat im bürgerlichen und traditionell rechten Lager zu einer blitzschnellen, fast panischen Dynamik geführt.

Noch am Wahlabend traten Uribe und Valencia vor die Mikrofone und machten offiziell, was viele hinter den Kulissen bereits vermutet hatten: Sie werfen ihr verbliebenes politisches Gewicht komplett hinter den ultrarechten Staranwalt Abelardo de la Espriella, um in der Stichwahl am 21. Juni das zu verhindern, was sie als Einzug des Neocomunismo in den Casa de Nariño bezeichnen.

Besonders tief blicken ließen dabei die Worte des sichtlich angeschlagenen Ex-Präsidenten Uribe, der den Abend via Social Media mit den bitteren Worten „Colombianos, hemos perdido“ einleitete. Der einstige Königsmacher der kolumbianischen Politik musste offen anerkennen, dass sein politisches Projekt in der Wählergunst deklassiert worden war. Er rief seine Anhängerschaft umgehend dazu auf, De la Espriella in der zweiten Runde bedingungslos zu unterstützen. Seine Begründung: Es gehe nun um die Verteidigung der Verfassung, der privaten Initiative, der individuellen Freiheiten und eines schlanken, austeriären Staates – gegen eine angeblich von illegalen bewaffneten Gruppen gestützte linke Bedrohung.

Auch Paloma Valencia, deren Enttäuschung über das eigene historische Tief unter 7 % unübersehbar war, vollzog die Kehrtwende radikal. Sie stellte sich demonstrativ an die Seite eines Mannes, der sie und ihre politische Ausrichtung im Wahlkampf noch als verweichlichte Alt-Rechte attackiert hatte. Sie betonte, De la Espriella sei nun der einzige Garant dafür, dass Kolumbien nicht in die Hände des Kommunismus falle, den Cepeda und Gustavo Petro angeblich repräsentierten.

Interessantes Detail am Rande dieser Schicksalsgemeinschaft: Valencias zentristischer Vizepräsidentschaftskandidat Juan Daniel Oviedo, der das liberale Gesicht dieser Kampagne sein sollte, schwieg bei diesem fliegenden Wechsel demonstrativ. Er kündigte an, sich erst am 3. Juni offiziell zu seiner politischen Zukunft zu äußern – ein klares Zeichen dafür, dass die Basis der moderaten Wähler diesen rasanten Ritt nach rechts außen keineswegs blind mitmacht und das Zerreißen der Mitte schwere Risse hinterlässt.

Die Fronten für die kommenden drei Wochen bis zum 21. Juni sind damit zementiert. De la Espriella hat die Bastion der Rechten im Eilverfahren hinter sich vereint. Jetzt bleibt abzuwarten, ob die Wähler der Mitte diesen erzwungenen Schulterschluss mitgehen – oder ob diese Polarisierung am Ende genau das Gegenteil bewirkt und die Menschen schlicht zu Hause bleiben.
Du bist mit unserer Hilfe zufrieden! Dann hilf bitte mit einer kleinen » Spende « Danke und Vergelt's Gott!

coentros
Verified
Kolumbienfan
Kolumbienfan
Offline
Beiträge: 388
Registriert: 22. Juni 2014, 22:59

Kolumbien vor den Wahlen 2026 – Wer kann Petro beerben?

Beitrag von coentros »

@Eisbaer, vielen Dank für Deine erste Bewertung und Interpretation !

Zweifellos eine Überraschung, so auch der Tenor und Berichte der internationalen Presse. Dort wird als Hauptursache für dieses Ergebnis eindeutig der Anstieg der Gewalt, die Zahl der Anschläge, Entführungen, Angriffe bewaffneter Gruppen vor allem in ländlichen Regionen, angeführt. In der Frankfurter Rundschau findet sich das Zitat, wonach in der Regierungszeit Petro "mehr Menschen ermordet wurden als in beiden vorangegangen Amtszeiten zusammengenommen". Die Gewalt hätte "dramatisch" zugenommen. Eine ähnliche Tendenz, mehr oder weniger, in den Interpretationen anderswo. Die Zeit, der Tagesanzeiger, NZZ, El Mundo, BBC, New York Times. Auch in der auflagenstärksten Tageszeitung Japans, Yomiuri Shinbun, findet sich ein Artikel. Dort u.a. der interessante Begriff wonach De La Espriella für einen westlichen "Donroism" steht.

In amerika21 eine erste Reaktion wonach Gustavo Petro das Ergebnis der ersten Runde nicht anerkennt. Es gäbe eine Diskrepanz von 885'000 Stimmen. Petro warnt vor De La Espriella und einem "mafiösen Faschismus". Die spanische El Mundo zitiert wiederum den Anführer der Bewegung Defensores de la Patria der vor Cepeda als dem "Jefe de la Mafia" warnt. In der internationalen Presse wird De La Espriella teilweise als ein Mix aus Milei und Bukele beschrieben.

Nun ist alles angerichtet für einen grossen showdown zwischen beiden Extremen. Die grosse Unbekannte, wer nun mehr Stimmen der Nichtwähler oder der aufgeriebenen Mitte für sich aktivieren kann. Eines kann man auch noch festhalten. Vor einem halben Jahr sind einige Quellen und Berichte nahezu von einem Durchmarsch der Linken und quasi sicherem Erfolg für Cepeda ausgegangen. Das ist fürs erste nun ganz anders gekommen.

Dieser erste Wahlgang ansonsten eine Bestätigung eines globalen Trends, der Spaltung und Polarisierung im politischen Spektrum. Ich möchte ganz kurz ergänzend erwähnen dürfen, dass auch dieses Beispiel nicht einfach nur ein lokales Phänomen Kolumbiens ist, sondern real auch anderswo stattfindet, in europäischen Ländern oder z.B. in Japan. Dort die rechtspopulistische Partei Sanseito mit der Parole "Japanese first".

Ich hoffe und wünsche mir sehr, dass es friedlich bleibt, vor und nach dem zweiten Wahlgang.

Dolfi
Verified
Kolumbien-Süchtige(r)
Kolumbien-Süchtige(r)
Offline
Beiträge: 975
Registriert: 10. November 2009, 14:50

Kolumbien vor den Wahlen 2026 – Wer kann Petro beerben?

Beitrag von Dolfi »

Wenn ein Präsident de la Espriella wirklich den Kampf gegen die Guerilla im Stil von Uribe wieder aufnehmen sollte, dann gute Nacht.
Benutzeravatar

Bogotano
Verified
Kolumbien-Süchtige(r)
Kolumbien-Süchtige(r)
Offline
Beiträge: 612
Registriert: 26. April 2011, 21:53

Kolumbien vor den Wahlen 2026 – Wer kann Petro beerben?

Beitrag von Bogotano »

@Dolfi, du sprichst genau das aus, was das ländliche Kolumbien nach diesem Sonntag befürchten muss. Ein Präsident De la Espriella, der den Kampf gegen die Guerilla im Stil von Uribe wieder aufnimmt – das wäre ein Alptraum für viele Regionen, die gerade erst begonnen hatten, sich zu erholen.

Aber das eigentliche Theater läuft doch längst hinter den Kulissen. Und da schließt sich für mich der Kreis zu Uribe.

Hat sich eigentlich niemand gewundert, dass ausgerechnet der US-Senator Bernie Moreno als Wahlbeobachter nach Kolumbien kam? Wer die Videos vom Wochenende gesehen hat, sah, wie auffällig herzlich Moreno von Abelardo de la Espriella empfangen wurde. Moreno ist nicht irgendjemand – er ist über Familien- und Netzwerkverbindungen eng mit der politischen Elite des Landes verflochten, und da kommt man an Uribe kaum vorbei.

Meine These ist deshalb: Álvaro Uribe ist bei dieser Wahl von Anfang an zweigleisig gefahren. Offiziell hat er die eigene Partei mit Paloma Valencia bespielt – aber inoffiziell lief über familiäre und politische Kanäle längst die Brückenbildung zu De la Espriella. Der blitzschnelle Schwenk von Valencia zur „Manada“ von De la Espriella direkt nach dem ersten Boletín am Sonntagabend war kein Zufall. Das Drehbuch war längst geschrieben.

Schade, dass sich an dieser spannenden Diskussion hier im Forum kaum jemand beteiligt hat. Mein Dank geht an dich, @Dolfi, und an @coentros für den offenen Austausch.

Die Fronten für den 21. Juni stehen – das abgekartete Spiel läuft. Ich klinke mich hier jetzt aus, genieße meinen Tinto und überlasse das Feld den Ereignissen.

Ruhige Wochen bis zur Stichwahl allerseits!

desertfox
Verified
Kolumbien-Experte
Kolumbien-Experte
Offline
Beiträge: 1586
Registriert: 24. August 2012, 19:57
Wohnort: Unterfranken
Alter: 68

Kolumbien vor den Wahlen 2026 – Wer kann Petro beerben?

Beitrag von desertfox »

Was die Ultra Rechten leider nicht verstehen ist dass man einen Guerilla Krieg nicht gewinnen kann. Die Engländer, Russen und Amerikaner/Nato können z.B. von Afghanistan ein Lied davon singen.
Nur durch Verhandlungen geht das normalerweise, in Kolumbien aber offensichtlich auch das nicht und solange es nicht genug vernünftig bezahlte Arbeitsplätze für die arbeitende Bevölkerung gibt wird auch das Verbrechensniveau nicht sinken. Und nein, ein liberalerer Arbeits-/Geschäftsmarkt regelt das nicht.
Benutzeravatar

Don Maximo
Verified
Kolumbien-Süchtige(r)
Kolumbien-Süchtige(r)
Offline
Beiträge: 598
Registriert: 2. Mai 2015, 01:51

Kolumbien vor den Wahlen 2026 – Wer kann Petro beerben?

Beitrag von Don Maximo »

Liebe Vorredner, ich sehe, dass ihr den Nagel auf den Kopf getroffen habt!
Ich hatte bereits begonnen, einen Kommentar zu verfassen, dann aber alles wieder gelöscht,

Genau das, was @Bogotano aufgezeigt hat, entspricht der Realität. Meine Sichtweise basiert auf der Beobachtung von Fakten und der lokalen Realität. Nicht von Kolumbien, dafür lokal vor Ort glaube ich behaupten zu können, einen tiefen Einblick in die Korrupte Realität zu haben.
Mehr als 20 Jahre Verbundenheit mit dem Pueblo sowie Verbindungen und Bekanntschaften (nicht immer die besten, aber ich kann mir diese nicht immer aussuchen).
Unser Pueblo ist eine Wiege und ein Epizentrum des Uribista-Clans. Sowohl er als auch andere prominente Persönlichkeiten besitzen hier in der Nähe Fincas, viele davon in derselben ländlichen Mega-Urbanisierung. In unregelmäßigen Abständen sind sie auch auffällig gleichzeitig anwesend.

Vor ca. zwei Wochen fand ein Treffen in bester mediatischen Diskretion statt, an dem Uribe selbst und andere zentrale Persönlichkeiten seiner Strömung und der Partei teilnahmen. Mit dabei auch eine lokale Figur. Was @Bogotano andeutet, kann ich bestätigen und unterstreichen. Gleichzeitig waren umstrittene Persönlichkeiten anwesend, die mit illegalen Gruppen eng in Verbindung stehen, die ebenfalls hier Fincas besitzen und de facto, die Zügel der Lokalpolitik in der Hand halten. Ein eng verstrickter Filz, zu dem auch die "Aberaldistas" gehören. Ich hoffe, es ist verständlich, dass ich an dieser Stelle nicht ins Detail gehen kann.
Nicht nur Uribe, sondern (und insbesondere) de La Espirella unterhält enge Kontakte zu politischen Kreisen in den USA und zur Regierung von Donald Trump. Zu glauben, dass Letztere keine Rolle in der Unterstützung und Beeinflussung des Wahlkampfes gespielt hätten, wäre schon fast naiv.

Was bei mir bereits früher große Neugier geweckt hat, sind zudem bestimmter Personen in unserer Gegend. Nur ein Beispiel ist ein US-Bürger, der sich als ein pensionierter Kriegsveteran ausgibt, der sich auf eine Finca zurückgezogen hat und dort Kaffee anbaut (den er zu horrenden Preisen anbietet), von dem er angeblich lebt, in einer extrem bewachten Finca, einem gepanzerten Fahrzeug der obersten Preisklasse, Verbindungen zu lokalen Ultrarechts Politikern und extreme Exponenten der örtlichen "Bürgerwehr", und wenn er die Gemeinde verlässt, nur mit personenschutz. Nach Recherchen konnte ich feststellen, dass er kein Kriegsveteran ist, vermutlich auch nie gedient hat, dafür in der Vergangenheit Positionen im US-Staatsapparat innehatte, unter anderem bei der DEA. Eine von einigen Personen die viele fragen aufwerfen wegen seinen Verbindungen und seiner Herkunft.
Nicht weniger beunruhigend finde ich die Anwesenheit von Personen, die dem Mossad angehören oder offiziell aus dessen Reihen stammen, insbesondere wenn sie im Dienst privater Organisationen stehen, über deren Legitimität sich streiten lässt.
Die extreme Rechte, die USA und der Mossad sind meiner Meinung nach nicht die besten „Zutaten“ für das Rezept einer gesunden Zukunft für Kolumbien.

Die USA selbst haben nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie darauf aus sind, sich die Ressourcen des Landes anzueignen.
Sollte „de La Espirella“ tatsächlich sein Amt antreten und die von ihm angekündigte Politik umsetzen, ist ernsthaft mit schweren Unruhen und einem Ausbruch von Gewalt zu rechnen, der das Land in eine traurige Lage zurückwerfen kann, die nicht weniger prekär ist als die, die die zweite Hälfte der 1940er Jahre und die folgenden Jahre geprägt hat.

Insbesondere eine Linie à la Bukele mit den angekündigten gross angelegten militärischen Aktionen verspricht nichts Gutes. Sie wären eine Zündschnur für eine erneute Spirale der Gewalt.
Ein Vergleich mit „El Salvador“ – an dem sich „de La Espirella“ orientiert und aus dem er ein mehr als fragwürdiges Vorbild schöpft – hält in keiner Weise stand.
Eine extreme militärische Aktion würde, abgesehen davon, dass sie als solche unmöglich zu einem konstruktiven Ergebnis führen kann, aus mehreren Gründen unrealistisch und höchst problematisch.
Zunächst einmal ist Kolumbien nicht San Salvador. Weder geografisch, noch flächenmässig, noch bevölkerungsmässig. Kolumbien hätte selbst mit seinen eigenen Ressourcen niemals ausreichende Kräfte. Eine militärische Beteiligung der USA wäre unverzichtbar und als solche absolut abzulehnen. In einigen italienischen Medien wurde sogar von Gerüchten über eine mögliche Beteiligung israelischer Spezialeinheiten gesprochen. Eine absolut plausible These, wenn man bedenkt, dass es bereits eine Zusammenarbeit in einigen militärischen Bereichen gibt. Politisch wäre man ja dann auf dem selben Pferd. Der Gedanke lässt mich erschaudern.

Leider befürchte ich, dass Kolumbien, unabhängig davon, welcher der beiden Kontrahenten sich endlich den Sitz sichern kann, turbulente, wenn nicht sogar noch gewaltsamere Zeiten bevorstehen.

Sollte La Espirella das Amt antreten, wissen wir, in welche Richtung der Wind (oder Orkan) weht. Es bleibt nur zu hoffen, dass sich sein Handeln in diesem Fall als gemäßigter erweist als seine Worte. Dennoch sind seine aktuellen Auftritte äußerst manipulierend polarisierend, provokativ, aufwühlend und symbolisch von Gewalt geprägt.
Noch vor wenigen Jahren hatte „de La Espirella“ die Absicht, sich in Italien niederzulassen, wo er jedoch angeblich, laut einigen Stimmen, wenig Sympathien und nicht die erwartete soziale Akzeptanz in dieser Hinsicht gefunden hatte.

Sollte es Cepeda gelingen, sich den Sitz zu sichern – die Hoffnung stirbt zuletzt –, ist ernsthaft mit feindseligen Aktionen seitens der Opposition zu rechnen, einschließlich eines Staatsstreichs unter Komplizenschaft der USA.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die soziopolitische Lage Kolumbiens durch chronische strukturelle Gewalt und tiefe Ungleichheiten geprägt ist, die aus dem Kolonialismus und der Großgrundbesitzeroligarchie stammen.
In den ländlichen Regionen, also einem weiten Teil des Landes, sind die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse des kolonialen Klassensystems bis heute eine unbestreitbare Realität. Solange diese mittelalterlichen Zustände nicht endgültig beseitigt werden, halte ich einen Friedensprozess für unrealistisch. Die herrschende Klasse ist jedoch daran interessiert und bemüht, den Status quo aufrechtzuerhalten.

In dieser komplexen Diskussion und Thematik müssen wir zudem analytisch unterscheiden und abgrenzen zwischen politischer Gewalt und der grassierenden Gewalt rein krimineller Natur, die keinen politischen Hintergrund hat, aber oft von den Rechts Parteien für politische Zwecke instrumentalisiert wird. Dabei stehen oft gerade sie hinter (oder Schweigend daneben) diesen Kriminelle Organisationen, mache mit denen Geschäfte oder beziehen deren Leistungen.

Als ich mich gestern mit einem Freund auf einen Kaffee traf, dem ich zuvor anvertraut hatte, dass ich darüber nachdenke, wieder in die Schweiz oder nach Italien zurückzukehren, sagte er zu mir mit wehmütiger Stimme etwa sinngemäss:
Du Glücklicher, du kannst von einem Tag auf den anderen deine Koffer packen und verreisen.
Diese Einstellung spiegelt die Stimmung vieler Menschen wider. Es gibt jedoch leider auch einen großen Teil der Bevölkerung, der sich allein darüber freut, dass Cepeda nicht die Mehrheit der Stimmen erhalten hat. Zum Beispiel die Nachbarn. Dabei wissen diese absolut nichts weder über Cepeda noch über de Espirella. Und diese Leute gehen wählen...
Virtus Junxit Mors Non Separabit

Dolfi
Verified
Kolumbien-Süchtige(r)
Kolumbien-Süchtige(r)
Offline
Beiträge: 975
Registriert: 10. November 2009, 14:50

Kolumbien vor den Wahlen 2026 – Wer kann Petro beerben?

Beitrag von Dolfi »

De la Espriellas Politik kann aus meiner Sicht kaum funktionieren. Ein Kampf gegen die Kriminellen wie ihn Bukele erfolgreich durchgeführt hat in seinem kleinen Land, würde in Kolumbien dir Verhaftung von tausenden Menschen bedeuten, und man müsste Gefängnisse für die haben, die man aktuell nicht hat. Und radikale liberale Wirtschaftsreformen wie Milei in Argentinien halte ich auch für wenig sinnvoll. Nach meinem Eindruck ist der Staat in Kolumbien eher zu schwach und nicht eine Krake, die die ganze Gesellschaft erdrückt wie in Argentinien (und tendenzeiell auch immer mehr in Deutschand). Mein Schwager hatte einen guten Job bei einer großen Zementfirma in Medellín, und sie haben ihn nach Jahren einfach rausgeworfen, ohne dass er sich dagegen wehren konnte. Da hätte der Staat schon ein bischen mehr Schutz bieten können.