Petro verließ die Casa de Nariño, Abelardo de la Espriella schwor in Cali seinen Eid – und in Santa Marta kehrte die ESSMAR in städtische Hand zurück. Dass sie dabei ihre Schulden und Altlasten gleich mitbrachte, ist so etwas wie die Pointe dieser Geschichte. Der Autor nennt es den „Tag, an dem Kolumbien den Piloten wechselte – und das Flugzeug flog weiter wie zuvor." Das trifft es erschreckend gut.
Ein Abschnitt hat mich besonders getroffen: Wie viele Verantwortliche die ESSMAR in den knapp fünf Jahren der staatlichen Zwangsverwaltung durchliefen – rund zehn Personen in 57 Monaten. Also durchschnittlich knapp sechs Monate pro Chef oder Chefin. Da gab es einen, der gerade mal 24 Stunden im Amt war – kaum ausreichend, um zu erfahren, wo der Kopierer steht. Das ist keine Verwaltung, das ist ein Karussell mit Dienstausweis.
Rodríguez Fajardo schreibt sinngemäß: „Das ist keine institutionelle Stabilität. Das ist eine Drehtür mit Wasserrechnung." So präzise und traurig zugleich. Es zeigt, dass wir es hier mit keinem Einzelfall, sondern mit einem strukturellen Problem zu tun haben.
Besonders gefallen hat mir seine nüchterne Herangehensweise. Er verklärt weder Petro noch verteufelt er Abelardo. Einfach festgestellt: Die ESSMAR wurde übergeben – aber nicht repariert. Das Wasser kommt noch immer nicht in jedem Barrio an, die Rechnungen sind noch immer hoch, die Gewerkschaften haben nach wie vor viel zu sagen. Das ist einfach die Realität, keine Polemik.
Für Santa Marta bedeutet das: Der neue Bürgermeister Carlos Pinedo Cuello – im Artikel liebevoll CAPICU genannt – steht jetzt in der Pflicht. Sein Versprechen, das Wasserproblem zu lösen, kann er nicht mehr auf die fehlende Zuständigkeit schieben. Jetzt ist er dran. Und sein Kandidat für die ESSMAR, Abraham Cure, wird zeigen müssen, ob er mehr kann, als nur stehen zu bleiben, wenn alle anderen fallen.
Das Fazit des Artikels hat sich mir eingeprägt. Ich gebe es hier sinngemäß wieder, weil es so gut zu dem passt, was wir hier im Forum immer wieder besprechen: „Kolumbien ist ein Land, das sich anscheinend auch ohne funktionierenden Präsidenten hervorragend selbst organisieren kann – darin liegt seine Tragödie. Die wahre Frage ist: Kann es auch mit einem funktionierenden Präsidenten vorankommen?"
Das ist ein Artikel, der es wert ist, gelesen und weitergeteilt zu werden. Nicht, weil er neue Enthüllungen bringt, sondern weil er so präzise beschreibt, was wir alle irgendwie wissen, aber selten so klar ausgesprochen bekommen.
Wer sich für die lokale Realität Kolumbiens interessiert – jenseits von Bogotá und den großen Schlagzeilen –, sollte sich diese Kolumne nicht entgehen lassen.
Kleiner Hinweis: ESSMAR = Empresas Sociales del Estado de Santa Marta y la Región. Das öffentliche Wasser- und Sanitärunternehmen von Santa Marta, das seit Jahren wegen Versorgungsproblemen und finanziellen Schwierigkeiten in der Kritik steht.




