Was dann folgte, war ein ganzes Jahr im Ausnahmezustand. In den Großstädten wie Bogotá oder Medellín wurde der Strom täglich für neun Stunden abgestellt, in den ländlicheren Regionen und an der Küste waren es oft bis zu vierzehn Stunden am Tag. Um die hellen Stunden des Tages besser zu nutzen, wurde die Uhr im ganzen Land per Dekret um eine Stunde vorgestellt, die sogenannte Hora Gaviria, was das alltägliche Chaos perfekt machte. Fernsehsender durften nur noch wenige Stunden am Abend ausstrahlen, Fabriken mussten ihre Schichten mitten in die Nacht verlegen, und Kerzen sowie Batterien wurden im ganzen Land zu einer heiß begehrten Mangelware.
Ich selbst habe diese wilde Zeit im ohnehin schon brennend heißen Cúcuta an der Grenze zu Venezuela durchgemacht. Wer die Stadt kennt, weiß, dass man dort das ganze Jahr über Temperaturen jenseits der 35 Grad hat. Ohne Strom gab es keine Ventilatoren, keine Klimaanlagen und auch keinen Kühlschrank, der die Getränke kalt hielt. Es war erträglich am Tag und schlaflos in der Nacht. Da Not macht bekanntlich erfinderisch, kam mir damals die Grenznähe zugute. Im benachbarten Venezuela gab es keinen Strommangel, und so beschloss ich kurzerhand, mir dort ein eigenes Notstromaggregat zu organisieren.
Der Kauf in Venezuela war schnell erledigt, aber das schwere Ding legal über die offizielle Grenze und den Zoll zu bringen, wäre damals ein bürokratischer und teurer Albtraum geworden. Der venezolanische Händler lächelte nur und meinte, das sei alles kein Problem, er liefere frei Haus. Und tatsächlich: Kurze Zeit später tauchte der Mann mit dem Aggregat in Cúcuta auf. Er hatte das schwere Gerät kurzerhand auf ein Motorrad geschnallt und war damit eiskalt durch den flachen Grenzfluss, den Río Táchira, geschwommen beziehungsweise gefahren, um die Kontrollen zu umgehen. Das war echte kolumbianisch-venezolanische Improvisationskunst im Dienste der Elektrizität. Dank dieses Aggregats und des Benzins aus Venezuela war ich damals einer der wenigen in der Nachbarschaft, bei dem abends die Glühbirne leuchtete und der Ventilator für etwas Abkühlung sorgte.
Erst im März 1993, als endlich die langersehnten Regenfälle einsetzten und die Stauseen sich wieder füllten, endete das Jahr der Dunkelheit. Die Krise hatte jedoch ihr Gutes: Sie zwang das Land zu einer radikalen Reform des Energiesektors, die den Markt für private Investoren öffnete und den Bau von thermischen Kraftwerken vorantrieb, damit Kolumbien nie wieder so fatal von der Witterung abhängig sein sollte.
Wie habt ihr diese Zeit damals erlebt, sofern ihr schon im Land wart? Wer erinnert sich noch an die Hora Gaviria, das endlose Kerzenlicht und das Leben ohne Kühlschrank? Ich bin gespannt auf eure Geschichten aus diesem unvergesslichen Jahr!







